Hildebrand sieht Parallelen zur Zeit vor der Weltwirtschaftskrise

Der Ex-Nationalbankpräsident warnt vor den Gefahren für die Weltkonjunktur. Dasselbe tut auch der neue Berater von UBS-Chef Ermotti.

Warnung in der «Financial Times»: Philipp Hildebrand, Vizepräsident von Blackrock. Foto: Keystone

Warnung in der «Financial Times»: Philipp Hildebrand, Vizepräsident von Blackrock. Foto: Keystone

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Kurz vor dem Treffen der weltweit führenden Notenbanker im August in Jackson Hole in den USA hat der Vorgänger von Thomas Jordan als Präsident der Schweizerischen Nationalbank, Philipp Hildebrand, mit einem provokativen Vorschlag von sich reden gemacht: Gemeinsam mit anderen führenden Ex-Notenbankern forderte er in einer Blackrock-Kurzstudie die Einführung einer Art von Helikoptergeld. In einem Kommentar in der heutigen Ausgabe des britischen Finanzweltblatts «Financial Times» hat Hildebrand noch einmal nachgelegt. Er ist aktuell Vizepräsident von Blackrock, dem weltweit grössten Vermögensverwalter mit einer Anlagesumme von fast 7 Billionen Dollar.

Mit Helikoptergeld ist gemeint, dass die Notenbanken die Geldvergabe an die Wirtschaft nicht mehr über die Leitzinsen steuern, sondern das Geld direkt in die Wirtschaft pumpen sollen. Im Vorschlag von Hildebrand und seiner Co-Autoren soll das über die Finanzierung von Staatsausgaben durch die Notenbank geschehen. Allerdings haben die Verfasser eine Reihe von Bedingungen genannt, die dafür erfüllt sein müssen, und auch dazu, wann dieses Vorgehen wieder beendet werden muss.

«Zu viele Steroide schwächen die Knochen»

In seinem heutigen Kommentar erklärt Philipp Hildebrand seinen Vorschlag vor allem mit den enormen Gefahren, die aktuell in der Weltwirtschaft lauern. Dabei argumentiert er mit der Weltwirtschaftskrise ab 1929 – der schlimmsten Wirtschaftskrise der Neuzeit. Dass der Finanzcrash ausgehend von den USA in jenem Jahr letztlich zu einem wirtschaftlichen Niedergang in vielen Ländern der Welt während der 1930er-Jahre führen konnte, erklärt Hildebrand damit, dass die Notenbanker damals die Vorgänge nicht richtig einzuschätzen wussten – vor allem die Folgen der Bankenzusammenbrüche – und dass sie auch nicht angemessen darauf reagiert haben.

Hildebrands Befürchtungen werden zunehmend auch von anderen Ex-Notenbankern, Ökonomen und Bankern geteilt. Als Vertreter von allen kann Huw van Steenis gelten, der neue wirtschaftliche Berater von UBS-Chef Sergio Ermotti, zuvor Berater von Mark Carney, dem Chef der britischen Notenbank und noch früher Staranalyst der Investmentbank Morgan Stanley. Noch mehr als Hildebrand warnt Van Steenis davor, die Folgen der aktuellen Geldpolitik für die Finanzbranche zu unterschätzen.

Negativzinsen schaden mehr als sie nützen, sagt Huw Van Steenis, UBS-Wirtschaftsberater. Foto: Twitter

«In kleinen Dosen kann die unkonventionelle Geldpolitik sehr nützlich sein», schreibt er, «aber so wie ein zu langer Gebrauch von Steroiden die Knochen schwächt, so können negative Leitzinsen das Finanzsystem schwächen.» Dies könne ungewünschte und dramatische Folgen haben. Hintergrund der Warnungen von Hildebrand, Van Steenis und anderen dürfte die verbreitete Erwartung weiterer Zinssenkungen weltweit sein – im Fall der SNB auf einen Negativzins von bis zu minus 1 Prozent.

Hildebrand geht nicht so weit, eine neue Krise zu prognostizieren, macht aber deutlich, dass eine markante Abschwächung der Wirtschaftsaktivitäten immer wahrscheinlicher wird. Den Handelskrieg von Trump vergleicht er mit den Smoot-Hawley-Zollaufschlägen der USA, die in den 1930er-Jahren ebenfalls einen Handelskrieg zur Folge hatten und die Weltwirtschaftskrise verschärft haben. «Die Frage ist nicht, wann es zu einer Rezession kommt, sondern, wie. Und die Frage, was die Wirtschaftspolitik noch tun kann, ist für die Antwort darauf entscheidend», schreibt Hildebrand.

«Den Verantwortlichen fehlen die Möglichkeiten, um auf eine Rezession angemessen zu reagieren.»Philipp Hildebrand

Genau wie zu Beginn der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre drohe auch heute die Politik zur Verhinderung einer Krise ins Leere zu laufen, schreibt der Ex-SNB-Präsident: «Eines ist sicher: Den Verantwortlichen fehlen heute die Möglichkeiten, die bisher nötig waren, um auf eine Rezession angemessen zu reagieren – ganz zu schweigen von schweren Krisen.»

Diese Möglichkeiten waren hauptsächlich tiefere Leitzinsen der Notenbanker und in zweiter Linie höhere Staatsausgaben oder Steuersenkungen der Länder. Angesichts bereits negativer Zinsen in Europa und der Schweiz und historisch tiefer in den USA seien die Möglichkeiten hier weitgehend erschöpft. Aufgrund einer hohen Verschuldung vieler Staaten seien auch deren Möglichkeiten beschränkt. Eine Konjunkturpolitik via Staatsbudget sei ohnehin zu wenig flexibel.

Unsicherheit verhindert Investitionen

Hildebrand gesteht in seinem Kommentar ein, dass sein Helikoptergeld-Vorschlag nicht einfach umzusetzen sei. Gar keinen Plan zu haben, sei aber in jedem Fall schlechter. Und einfach weiterzufahren wie bisher («Business as usual»), sei keine Option mehr.

Ermottis neuer Chefberater Van Steenis führt eine ganze Reihe von Argumenten an, weshalb die Negativzinsen auf die Dauer mehr schaden als nützen würden. Vor allem weil sie die Banken schwächten. Und weil diese mit höheren Gebühren reagierten – seien auch die Bankkunden davon betroffen. Je länger zudem Negativzinsen verblieben, desto mehr verrechneten vor allem Banken in der Schweiz und in Dänemark – wo sie besonders tief lägen – Negativzinsen auch ihren Kunden.

Angesichts der extrem tiefen Zinsen müssten zudem jene, die auf eine bestimmte Summe im Pensionsalter sparten, ihren aktuellen Konsum reduzieren. So werde die Nachfrage gebremst und nicht wie beabsichtigt stimuliert. Die Unsicherheit, wie lange die Negativzinsen noch anhielten und wie tief sie noch gingen, schrecke zudem auch die Unternehmen von Investitionen ab, schreibt Van Steenis.

Erstellt: 03.09.2019, 19:09 Uhr

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