«Ich werde niemals damit fliegen»

Mitarbeiter beklagen offenbar mangelhafte Kontrollen in einem Boeing-787-Werk – und warnen vor «katastrophalen» Folgen. Boeing bestreitet die Vorwürfe.

Am Mittwoch wird der Flugzeugbauer darüber Auskunft geben, wie sehr ihn die beiden Abstürze seiner Boeing 737 Max finanziell getroffen haben. Im Bild: ein Boeing-Dreamliner

Am Mittwoch wird der Flugzeugbauer darüber Auskunft geben, wie sehr ihn die beiden Abstürze seiner Boeing 737 Max finanziell getroffen haben. Im Bild: ein Boeing-Dreamliner

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Es gab eine Zeit, da machte die Boeing 787 ihrem Werbenamen tatsächlich Ehre. Als «Dreamliner» vermarktet Boeing sein Grossraumflugzeug und kurz nach dessen Indienststellung Ende 2011, machte die 787 gleich zwei Träume wahr. Sie stellte in ihrer Gewichtsklasse einen Distanzrekord auf, indem sie 19'835 Kilometer ohne Zwischenstopp flog und einen Zeitrekord, als sie die Erde in 42 Stunden und 27 Minuten umrundete. Dafür wurde Boeing ausgezeichnet als jener US-Hersteller, der in diesem Jahr die grössten Fortschritte in Luft- und Raumfahrt erreichte.

Das alles ist lange her. Die Rekorde längst übertroffen und der «Dreamliner» kein Traumobjekt mehr. Zwar gab es bislang weder Unfälle noch Flugzeugverluste der 787, doch sieht sie sich einem jüngsten Bericht der New York Times zufolge massiver Kritik ausgesetzt – von den Menschen, die sie bauen.

Boeing habe etliche Sicherheitsbedenken ignoriert, schreibt die New York Times und beruft sich auf interne Mails, Dokumente und Gespräche mit mehr als einem Dutzend aktuellen und ehemaligen Boeing-Mitarbeitern. Bei der Produktion des «Dreamliners» am Standort North Charleston in South Carolina soll geschlampt worden sein.

«Niemals damit fliegen»

Joseph Clayton, ein Techniker, sagte der Zeitung, er habe nach der Fertigung regelmässig Trümmerteile in den Maschinen gefunden. Gefährlich nahe am Schaltkreis des Cockpits. «Ich habe meiner Frau gesagt, dass ich niemals damit fliegen werde», sagte Clayton. «Es ist einfach eine Frage der Sicherheit.»

John Barnett, ein früherer Qualitätsmanager, der fast drei Jahrzehnte lang bei Boeing gearbeitet habe, sagte, er habe Haufen von Metallsplittern gefunden. Das klingt harmlos, doch die Splitter fanden sich über der Verdrahtung zur Flugsteuerung. Durchdringen die scharfen Metallteile die Drähte, könnte das «katastrophal» enden, sagte Barnett. Weitere Mitarbeiter berichteten anonym, sie hätten immer wieder auch Werkzeuge und Bauteile in der Nähe von elektrischen System gefunden.

Die New York Times veröffentlichte diese Vorwürfe wenige Tage, bevor Boeing seine neuen Quartalszahlen vorstellt. Am Mittwoch wird der Flugzeugbauer auch darüber Auskunft geben, wie sehr ihn die beiden Abstürze seiner Boeing 737 Max finanziell getroffen haben. 346 Menschen starben bei den Unglücken in Indonesien und Äthiopien. Boeings Bestseller-Jet steht deswegen seit März still.

«Dreamliner» hatte 2013 Flugverbot

Sicherheitsbedenken hatten auch beim «Dreamliner» schon dazu geführt, dass die Flugaufsichtsbehörden ein mehr als dreimonatiges Flugverbot für die 787 aussprachen. 2013 hatten sich in zwei Maschinen die Batterien überhitzt, wobei bei einem am Boden parkierten Flugzeug ein Feuer ausbrach. Boeing modernisierte die Batterien danach.

Weniger als einen Monat nach dem zweiten 737-Absturz in Äthiopien habe Boeing seine Mitarbeiter im Werk North Charleston zu einem dringenden Meeting einberufen. Die Firma habe ein Problem, habe es dort geheissen, immer wieder fänden Kunden zufällige Teile in ihren neuen «Dreamlinern», die dort nicht hingehörten.

Sogenannte Fremdkörperreste sind kein seltenes Problem beim Bau von Flugzeugen. Die Arbeiter sind angewiesen, während der Fertigung immer wieder das Flugzeug zu reinigen, um es nicht mit Spänen, Werkzeugen oder anderen Teilen zu kontaminieren.

In der New York Times heisst es nun, die Boeing-Leitungsebene habe Druck auf Mitarbeiter ausgeübt, ihre dabei entdeckten Mängel nicht den Behörden zu melden. Sie sollten stattdessen auf einen schnellen Produktionsablauf achten.

Als Boeing seinen «Dreamliner» 2007 vorgestellt hat, galt er als dessen wichtigstes Flugzeug. Ein Flugzeug, das mit seinem leichten Rumpf aus Kohlefaser und seiner fortschrittlichen Technologie eine neue Generation begründete.

Boeing bestreitet Vorwürfe

Der Flugzeugbauer bestreitet alle im Bericht genannten Vorwürfe, die am «Dreamliner»-Ruf kratzen. «Boeing South Carolina produziert den höchsten Grad an Qualität unserer Geschichte. Ich bin stolz auf unser Bekenntnis zur Qualität und stehe hinter der Arbeit, die unsere Mitarbeiter Tag für Tag verrichten», sagte Kevin McAllister, Chef von Boeings kommerzieller Flieger-Abteilung.

Sein früherer Qualitätsmanager sieht das anders. «Als Qualitätsmanager bei Boeing sind Sie die letzte Verteidigungslinie, bevor ein Defekt an die Öffentlichkeit kommt», sagte John Barnett der New York Times. «Und ich habe bisher noch kein Flugzeug aus Charleston gesehen, bei dem ich mit meinen Namen dafür stehen würde, dass es sicher und flugfähig ist.»

Erstellt: 22.04.2019, 17:37 Uhr

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