Paar soll wegen Krebs zwei Milliarden Dollar erhalten

Sie hatten 35 Jahre lang Glyphosat von Monsanto verwendet und wurden krank. Für Bayer wird der Zukauf des US-Riesen endgültig zum Albtraum.

Gewinnen vor einem Gericht in Kalifornien gegen Monsanto: Das Paar Alva (l.) und Alberta (dritte von links) Pilliod zusammen mit ihren Anwälten. (AP/Paul Elias)

Gewinnen vor einem Gericht in Kalifornien gegen Monsanto: Das Paar Alva (l.) und Alberta (dritte von links) Pilliod zusammen mit ihren Anwälten. (AP/Paul Elias) Bild: AFP

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Ein Gericht im kalifornischen Oakland sprach am Montagabend zwei ehemaligen Monsanto-Kunden, die an Krebs erkrankt sind, Schadenersatzzahlungen in Höhe von insgesamt mehr als zwei Milliarden Dollar zu. Das heutige Rentnerpaar hatte nach eigenem Bekunden 35 Jahre lang den Unkrautvernichter Roundup auf seinem Grundstück in der Nähe von San Francisco verwendet, der den umstrittenen Wirkstoff Glyphosat enthält. Beide Partner waren vor einigen Jahren jeweils an einer Form von Lymphkrebs erkrankt.

Das Urteil ist allein in den USA schon das dritte, bei dem ein Gericht einen direkten Zusammenhang zwischen der Krebserkrankung eines Klägers und der Verwendung von Roundup hergestellt hat. In den beiden vorangegangenen Fällen hatten die Geschädigten Schadenersatz- und Wiedergutmachungszahlungen in Höhe von jeweils rund 80 Millionen Dollar zugesprochen bekommen.

Mit ihrem jetzigen Beschluss stossen die Geschworenen des Gerichts in Oakland noch einmal in eine neue Dimension vor. Zwar sind alle Urteile noch nicht rechtskräftig, zudem werden in den USA hohe Wiedergutmachungssummen in späteren Berufungsverfahren oft wieder deutlich reduziert. Dennoch deutet sich bereits an, dass die Kosten für Bayer am Ende über jenen etwa fünf Milliarden Dollar liegen könnten, mit denen Experten bisher gerechnet hatten. Allein in den USA sind noch weitere rund 13'400 Klagen anhängig.

Die Jury im jetzigen Fall des Rentnerehepaars befand Monsanto schuldig, bei der Entwicklung von Roundup Fehler begangen, die Nutzer nicht vor möglichen Krebsgefahren gewarnt und darüber hinaus fahrlässig gehandelt zu haben. Bayer hingegen erklärte einmal mehr, man sei von dem Urteil enttäuscht und werde es anfechten. Aus Sicht des Konzerns, der sich die Monsanto-Übernahme 63 Milliarden Dollar hatte kosten lassen, gibt es weltweit «mehr als 800 wissenschaftliche Studien», die belegen, dass Glyphosat angeblich sicher sei. Auch hätten Behörden in 160 Staaten den Wirkstoff in den Produkten von Monsanto eingehend geprüft und genehmigt, darunter das US-Umweltamt EPA. Die Internationale Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stufte Glyphosat dagegen 2015 als «wahrscheinlich krebserregend» für Menschen ein.

Der Bayer-Chef hatte die Monsanto-Übernahme gegen alle Widerstände durchgezogen

Bayer-Chef Werner Baumann, dem erst jüngst bei der Hauptversammlung des Konzerns die eigenen Aktionäre die Entlastung verweigert hatten, gerät mit dem jetzigen Urteil noch weiter unter Druck. Baumann hatte die Übernahme von Monsanto nach seiner Berufung zum Vorstandsvorsitzenden vor drei Jahren gegen alle Widerstände durchgezogen und auch dann noch an dem Plan festgehalten, als die Klagewelle bereits losgerollt war. Heute sehen sich viele Kritiker der Entscheidung in ihrer Skepsis bestätigt: Für sie ist das Unternehmen Monsanto mit seinem gentechnisch veränderten Saatgut und den umstrittenen Pflanzenschutzmitteln der Inbegriff all dessen, was in der modernen Landwirtschaft schiefläuft.

Die umstrittene Firma soll darüber hinaus ruppig mit Kunden und Kritikern umgesprungen sein: Erst am vergangenen Wochenende war bekannt geworden, dass Monsanto 2016 in Frankreich – und womöglich auch anderswo – geheime Listen mit Unterstützern und Gegnern hatte anlegen lassen. Nach übereinstimmenden Berichten französischer Zeitungen sammelten PR-Agenturen im Auftrag des Unternehmens Informationen über zuletzt rund 200 Wissenschaftler, Politiker und Journalisten sowie deren Haltung zu Glyphosat und zur Gentechnik. Bayer musste sich daraufhin am Sonntag öffentlich entschuldigen. Zudem beauftragte der Konzern eine Anwaltskanzlei mit einer genaueren Untersuchung der Vorwürfe.

Im Fall der möglichen Glyphosat-Folgeerkrankungen hat eine ganze Reihe von Anteilseignern den Bayer-Vorstand mittlerweile aufgefordert, einen Vergleich mit den US-Klägern zu schliessen. Davor scheut das Unternehmen aber zurück, weil ein solcher Schritt nicht nur Milliarden kosten würde, sondern auch mit dem Eingeständnis verbunden wäre, dass Roundup doch gesundheitsgefährdend ist. Das Unkrautvernichtungsmittel wird weiterhin ohne konkrete Krebswarnung verkauft, es ist einer der grössten Umsatzbringer für Monsanto.

Allein seit Bekanntwerden des ersten Glyphosat-Urteils in den USA im Sommer vergangenen Jahres hat die Bayer-Aktie rund 40 Prozent ihres Werts verloren. Sollten die bisherigen Urteile auch nur im Ansatz bestätigt werden und Tausende weitere folgen, könnte gar die Existenz des rheinischen Traditionskonzerns in ihrer bisherigen Form auf dem Spiel stehen. Mittlerweile ist Bayer an der Börse so wenig wert, dass die Übernahme durch einen Konkurrenten nicht mehr ausgeschlossen scheint – sobald das Monsanto-Problem gelöst ist. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 14.05.2019, 00:32 Uhr

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