Wenn die grössten Kapitalisten den Kapitalismus kritisieren

Reiche und mächtige US-Unternehmer sorgen sich um das Wirtschaftssystem. Einer warnt sogar vor einer Revolution.

Ray Dalio, Gründer des Hedgefonds Bridgewater, sieht «die USA existenziell bedroht». Fotos: Reuters

Ray Dalio, Gründer des Hedgefonds Bridgewater, sieht «die USA existenziell bedroht». Fotos: Reuters

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Kaum eine Bank steht mehr im Zentrum des weltweiten Kapitalismus als J.P. Morgan Chase. Schon früh hatten sie und ihr Gründer John Pierpont Morgan eine führende Rolle dabei gespielt, das System zu retten, wenn es durch schwere Krisen in Gefahr schien, etwa im Jahr 1907.

Auch der gegenwärtige Präsident und Konzernchef der Bank in Personalunion, Jamie Dimon, sorgt sich offenbar wieder um den Kapitalismus, zumindest um dessen Akzeptanz in der Bevölkerung. Über mehrere Seiten in seinem Brief an die Aktionäre der Bank verteidigt er das vorherrschende System, gerade so, wie wenn es akut gefährdet wäre.

Auf einen Teil der Gefährdungen geht Dimon gleich selbst ein. Er spricht unter anderem davon, wie in den USA Teile der Gesellschaft wirtschaftlich seit Jahrzehnten vom Fortschritt abgehängt wurden und am Rand der Armut leben, von der grösseren Ungleichheit, von einer mangelhaften Infrastruktur und einer schwindenden Chancengleichheit – ganz besonders auch im Bereich der Bildung und einer zu teuren und sich weiter verteuernden Gesundheitsversorgung.

«Ist der Kapitalismus schuld? Ist der Sozialismus besser?», fragt Dimon in seinem Aktionärsbrief. Die Antwort ist wie zu erwarten ein klares Nein auf beide Fragen.

Erfolgreich, aber nicht ohne Mängel

«Der Kapitalismus ist ohne Frage das erfolgreichste System, das die Welt je gesehen hat», schreibt der Grossbankchef, aber es sei nicht ohne Mängel. Und weder er noch sonst kaum jemand, den er kenne, sei Verfechter eines vollkommen unregulierten Kapitalismus.

Um dem System wieder mehr Glaubwürdigkeit zu verschaffen, fordert Dimon, dass alle ihre kurzfristigen Eigeninteressen im Interesse des Ganzen zurückstellen, denn alle seien zu egoistisch geworden. Für die Reichsten fordert er sogar höhere Steuern, wenn das Geld sinnvoll für Anliegen der Gesellschaft ausgegeben werde.

Laut Jamie Dimon können sich Manager nicht mehr «um die gesellschaftlichen Fragen foutieren».

Und Dimon wendet sich an seine Kollegen in den Chefetagen anderer Unternehmen. Die Unternehmensführer in den Verwaltungsräten und im Management könnten sich nicht mehr um die gesellschaftlichen Fragen foutieren. Das sei letztlich auch in ihrem eigenen Interesse und dem ihrer Unternehmen.

Man kann sich fragen, weshalb sich ein Wirtschaftsführer, der für das letzte Jahr von seiner Bank 31 Millionen Dollar kassiert hat, mit einem solchen Engagement hervortut. Von einigen wurde der Vorstoss als Vorbereitung für eine Präsidentschaftskandidatur interpretiert. Doch der J.P.-Morgan-Chef hat abgewunken.

Eine andere Interpretation liefert in seiner heutigen Ausgabe das britische Finanzblatt «Financial Times» in einem längeren Bericht: In den Chefetagen der US-Wirtschaft wächst ganz generell die Angst vor einer zunehmenden Systemverdrossenheit und einem Erfolg von Politikern, die sich offen als sozialistisch bezeichnen; das gilt ganz besonders für die junge Senatorin Alexandria Ocasio-Cortez.

Mehr Anhänger für den Sozialismus

Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup unter 18- bis 29-jährigen Amerikanern im letzten Jahr haben 51 Prozent ein positives Bild des Sozialismus – und damit gleich viel wie noch 2010. Dramatisch verändert hat sich aber die Einschätzung zum Kapitalismus: 2010 sah mit 68 Prozent noch eine deutliche Mehrheit diesen in positivem Licht, 2018 waren es mit 45 Prozent weniger als die Hälfte.

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Noch deutlicher als Jamie Dimon äussert sich Ray Dalio zu den Gefahren. In einem per Twitter verbreiteten Text schreibt er, dass «entweder Menschen mit unterschiedlichen ideologischen Neigungen zusammenarbeiten, um das System geschickt umzugestalten, sodass der wirtschaftliche Kuchen gerecht verteilt wird und wächst, oder wir werden einen grossen Konflikt und irgendeine Form der Revolution sehen, die allen am meisten schadet und den Kuchen schrumpfen lassen wird». Werde der Kapitalismus nicht reformiert, schreibt der bekennende Kapitalist Dalio, seien die USA existenziell bedroht.

Dalio ist Gründer des Hedgefonds Bridgewater, der mit verwalteten Vermögen von rund 120 Milliarden Dollar zu den grössten zehn seiner Art weltweit zählt. Das Vermögen von Dalio wird auf rund 19 Milliarden Dollar geschätzt, womit er laut der Zeitschrift «Forbes» auf Platz 25 der 400 reichsten Amerikaner steht.

Risikofaktor Populismus

Auch andere Unternehmensführer zeigen sich zunehmend besorgt, auch wenn sie das nicht so dramatisch ausdrücken wie Ray Dalio – vor allem angesichts der gewachsenen Ungleichheit. Die «Financial Times» führt etwa Evan Greenberg an, Chef des Versicherungskonzerns Chubb, der seinen Sitz in der Schweiz hat. Grosse Konzerne wie General Electric oder Honeywell haben damit begonnen, Populismus und ein negatives politisches Klima gegenüber multinationalen Konzernen als Risikofaktoren in ihren Unternehmensberichten aufzuführen.

«Selbst bei Jesus Christus nicht gerechtfertigt»: Disney-Chef Bob Igers Gehalt in einem filmreifen Vergleich.

Abigail Disney aus der Familie des gleichnamigen Konzerngründers Walt Disney machte mit der Kritik am 66 Millionen schweren Gehalt von Disney-Konzernchef Bob Iger von sich reden. «Selbst bei Jesus Christus wäre es nicht gerechtfertigt, wenn er 500-mal den Medianlohn beziehen würde», meinte sie lakonisch.

Die amerikanischen Unternehmenschefs kassieren noch deutlich mehr als ihre Kollegen in anderen Ländern und profitieren vom gegenwärtigen System damit besonders stark. Dass die Kritik an der Ungleichheit und am Kapitalismus nun auch aus ihren Reihen stammt, wird zwar in der Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen, doch ihre Aussagen haben in der amerikanischen Politik nur beschränkt Gewicht, unter anderem deshalb, weil die Bosse in diesem Gebiet keine grosse Glaubwürdigkeit geniessen. Kritiker monieren zudem, dass es letztlich weniger darauf ankommt, was diese Leute sagen, sondern darauf, was sie auch tatsächlich unternehmen.

Erstellt: 23.04.2019, 18:57 Uhr

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