Führt die vierte Schuldenwelle zum Kollaps?

Seit der Finanzkrise ist die Verschuldung der Staaten und der Privaten bedrohlich gestiegen. Einige Ökonomen sagen aber: Schulden können auch gut sein.

Der Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers markierte den Höhepunkt der Finanzkrise von 2008: Ein Mitarbeiter verlässt das Hauptquartier der Bank in New York. Foto: Keystone

Der Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers markierte den Höhepunkt der Finanzkrise von 2008: Ein Mitarbeiter verlässt das Hauptquartier der Bank in New York. Foto: Keystone

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Die hohe Verschuldung galt als wichtiger Auslöser der Finanzkrise von 2008. Und hohe Staatsschulden haben drei Jahre später die Eurozone an den Rand des Zusammenbruchs gebracht. 

Die jüngsten Berichte zu weltweiten privaten und öffentlichen Schulden geben vor diesem Hintergrund Anlass zur Sorge. «Global Waves of Debt» (Globale Schuldenwellen) lautet der Name eines 300-seitigen Berichts, den die Weltbank vor kurzem veröffentlicht hat. Die wichtigsten Schlussfolgerungen: Während der vergangenen 50 Jahre gab es vier Wellen einer massiven weltweiten Schuldenzunahme. Die letzten drei davon endeten alle in einer wirtschaftlichen Katastrophe, die dritte in der erwähnten Finanzkrise.

Aktuell befinden wir uns in der vierten Welle. Und ihr Ende bleibt offen. Begonnen hat die neue Welle 2010. Im Jahr 2018 hat die internationale Verschuldungsquote ein Allzeitmaximum von 230 Prozent gemessen am weltweiten Bruttoinlandsprodukt (BIP) erreicht. Angestiegen sind sowohl die privaten als auch die staatlichen Schulden.

Besonders ausgeprägt ist der Schuldenzuwachs in Schwellen- und Entwicklungsländern. Seit 2010 ist sie gemäss dem Weltbankbericht in diesen Ländern schneller auf höhere Niveaus gestiegen als je zuvor in den vergangenen 50 Jahren: Von 54 Prozent gemessen am BIP im Jahr 2010 auf 170 Prozent im Jahr 2018. Den grössten Anteil an diesem Zuwachs haben der Privatsektor und China. 

Höchste Haushaltsverschuldung in der Schweiz

In den entwickelten Ländern ist die Gesamtverschuldung nahe am Rekordstand geblieben, den sie nach der Finanzkrise erreicht hat. Laut der Weltbank belief sie sich hier im Jahr 2018 auf 265 Prozent des BIP. In den entwickelten Ländern hat vor allem die Staatsverschuldung  zugenommen, während die private Verschuldung aber weiterhin dominiert.

In der Schweiz beläuft sich die Staatsverschuldung nur auf 40 Prozent des BIP, die private Verschuldung aber auf 247 Prozent.

In der Schweiz beläuft sich die Staatsverschuldung nur auf rund 40 Prozent des BIP, die gesamte private Verschuldung gemäss Daten des Internationalen Währungsfonds (IWF) dagegen auf 247 Prozent – darunter dominieren die Privathaushalte mit 129 Prozent gemessen am BIP. Nirgendwo auf der Welt sind sie in diesem Ausmass verschuldet. Wichtigster Grund dafür sind Hypotheken.

Sollten einmal die Zinsen steigen und die Hypotheken sich verteuern, kann diese Verschuldung zum Problem werden. Das gilt generell bei der privaten Verschuldung, die durch Anlagen wie Immobilien, Aktien oder Anleihen gedeckt ist. Verlieren diese Anlagen an Wert, fehlt eine ausreichende Deckung der Schulden, und solche Anlagen müssen verkauft werden. Doch dann sinkt ihr Wert erst recht, und die Überschuldung steigt weiter. Dieses Muster hat sich auch 2008 gezeigt.

Keine Einigkeit unter Ökonomen

Zu den Risiken der Staatsverschuldung in entwickelten Ländern gibt es unter Ökonomen keine Einigkeit. Die Vertreter der sogenannten «Modern Monetary Theory» behaupten sogar, der Staat könne sich beliebig verschulden, solange keine Inflation auftritt. Die Notenbank könne das benötigte Geld jederzeit zur Verfügung stellen. Die meisten Ökonomen lehnen diese Theorie allerdings ab.

Mehr Gewicht hat allerdings die Argumentation von Olivier Blanchard. Von 2008 bis 2015 war er Chefökonom des IWF und letztes Jahr Präsident der Amerikanischen Ökonomenvereinigung (AEA). Seine Antrittsrede für diese Funktion hat in der Ökonomenzunft für Furore gesorgt. Denn Blanchard erklärte, Staatsschulden hätten einen zu schlechten Ruf, und ihre Nachteile würden überschätzt.

Später ging er noch weiter, indem er sagte, Staatsschulden seien für viele Länder eine gute Sache. Dabei nannte er Japan mit einer aktuellen Staatsverschuldung von 237 Prozent gemessen am BIP als Erfolgsmodell. Nur dank anhaltend hoher Staatsausgaben sei das Land nicht in eine schwere Krise gerutscht. Angesichts rekordtiefer Zinsen in Japan seien die Kosten der Schulden ohnehin gering.

Alles hängt an den Zinssätzen

Solange die Zinssätze auch in anderen Ländern tiefer sind als das Wirtschaftswachstum, ist für Blanchard auch eine hohe Verschuldung kein Problem. Denn die Schuldenquote – die Verschuldung gemessen am BIP – verringert sich dann automatisch. Solange produktive Investitionen durch den Staat für eine höhere Nachfrage und damit für ein grösseres Wachstum und eine produktivere Wirtschaft in Zukunft sorgen, sind sie laut Blanchard nur zu empfehlen. 

Blanchards Vorpreschen hat unter den Ökonomen eine intensive Debatte ausgelöst. Kenneth Rogoff, einst ebenfalls Chefökonom der Organisation und vor allem als Warner vor den Folgen einer hohen Verschuldung bekannt, gab Blanchard zwar recht, dass sinnvolle Investitionen jetzt getätigt werden sollten. Aber er warnte auch davor, die Gefahren zu unterschätzen, da die ausgewiesenen Daten zur Staatsverschuldung bei weitem nicht das ganze Bild wiedergeben würden.

Insbesondere seien die impliziten Verpflichtungen der Regierungen für die Altersvorsorge nicht darin enthalten. Rogoff schätzt sie auf das Vier- bis Fünffache der offiziellen Verschuldungsquoten. Würde es für diese Art der Schulden einen Zins geben, würde dieser sehr viel höher liegen als die aktuellen Marktzinsen, schätzt Rogoff.

Weiter warnte er davor, sich zu sehr auf die tiefen Zinsen zu verlassen. Die vielen politischen und ökonomischen Unsicherheiten in der Welt könnten jederzeit eine Krise auslösen, welche die Zinsen auch wieder in die Höhe schiessen lassen könnte. Wie ebenfalls eine Studie zeigt, bieten tiefe Zinssätze ohnehin keine Sicherheit vor Krisen. Obwohl sie in der Vergangenheit schon oft tiefer lagen als das Wirtschaftswachstum, kam es dennoch immer wieder zu Finanz- und Verschuldungskrisen.

Erstellt: 13.01.2020, 20:25 Uhr

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