Iqbal Khan alarmierte wegen Thiam den Gewaltschutz

Der Streit mit dem CS-Chef setzte dem Vermögensverwalter so zu, dass er bei der Polizei um Hilfe bat – mit Folgen für seine Beschatter.

Im September 2019 gab die CS den Auftrag, Iqbal Khan zu beschatten. Foto: Reuters

Im September 2019 gab die CS den Auftrag, Iqbal Khan zu beschatten. Foto: Reuters

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Am Anfang der Credit-Suisse-Überwachungsaffäre stand ein heftiger Streit zwischen CEO Tidjane Thiam und seinem obersten Vermögensverwalter Iqbal Khan im Januar 2019. Über den genauen Ablauf der Auseinandersetzung in Thiams Villa gibt es verschiedene Versionen. Recherchen zeigen, dass für Khan das Verhalten von Thiam derart gravierend war, dass er danach den Gewaltschutz der Kantonspolizei Zürich informierte.

Die Abteilung kümmert sich um Personen, die bedroht werden, zum Beispiel im Kontext von häuslicher Gewalt. Unterstützt wurde er damals von Jerome Endrass. Der forensische Psychologe beim Amt für Justizvollzug wurde ihm als Helfer empfohlen. Zudem meldete Khan den Vorfall dem CS-Verwaltungsrat. Daraufhin schaltete sich Präsident Urs Rohner ein und vermittelte einen Burgfrieden. Khan verzichtete schliesslich auf eine Anzeige und kündigte.

Der Vorfall mit den Detektiven hatte eine lange Vorgeschichte

Im September, also Monate später, gab die CS den Auftrag, Khan zu beschatten. Als dies aufflog, rief der Banker wieder Endrass an. Dieser informierte erneut den Gewaltschutz. Die Detektive gerieten mit ihrer Überwachung also mitten in das Bedrohungs-Management der Polizei, mit einer monatelangen Vorgeschichte. Khan reagierte extrem nervös, und die Polizei reagierte sofort. Sie kontaktierte Khan und bot ihm an, seine Aussage auf dem Polizeiposten zu machen. Anders als im Januar erstattete Khan diesmal Anzeige gegen Unbekannt wegen schwerer Drohung und Nötigung. Schon am kommenden Morgen wurden Khans Beschatter und zwei Geschäftspartner der Detektei verhaftet und zur Aussage abgeführt.

Die Anwälte eines der Detektive reichten deshalb vergangenen Dienstag eine Aufsichtsbeschwerde bei Justizdirektorin Jacqueline Fehr ein. Sie wollten wissen, ob Khan bei der Justizdirektion eine Vorzugsbehandlung erhielt oder ob gar Druck zu seinen Gunsten ausgeübt wurde. «Herr Endrass hat das einzig Richtige getan», sagt dazu Benjamin Tommer, Leiter Kommunikation der Justizdirektion: «Er hat die Information an die zuständige Stelle der Kantonspolizei, nämlich den Gewaltschutzdienst, weitergeleitet.»

Die Anwälte des Detektivs schreiben, das Verhalten der Polizei sei unverhältnismässig gewesen. Diese ist mit drei Teams ausgerückt und hat morgens um sechs drei Personen verhaftet und auf den Polizeiposten gebracht. Die Detektive wurden zeitweise mit Handschellen gefesselt und sind zur Abgabe einer DNA-Probe gezwungen worden. «Das geschilderte Vorgehen erscheint vor dem Hintergrund der zur Diskussion stehenden Delikte (Nötigung durch Nachfahren und Drohung) sowie der übrigen Fakten als vollkommen unverhältnismässig», so die Anwälte.

Gab es einen Durchsuchungsbefehl? Erst hiess es Ja, später dann Nein

Gerichtspsychiater Frank Urbaniok, ehemaliger Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes des Kantons Zürich, kennt das Vorgehen der Polizei bei solchen Drohungen aus langjähriger Erfahrung. Er sagt, in den letzten 20 Jahren habe sich die Praxis in solchen Fällen stark geändert. «Früher hat man oft erst eingegriffen, wenn etwas Schlimmes geschehen ist», sagt Urbaniok. «Mittlerweile versucht man bei Drohungen oder bedrohlich wirkenden Situationen, die unklar sind, konsequent einzuschreiten, um Risiken einzuschätzen und Eskalationen zu verhindern.»

Generell sei es bei bedrohlich wirkenden Situationen nicht selten, dass Beschuldigte eine gewisse Zeit in Untersuchungshaft verbrächten, bis die Sachlage geklärt sei. «Das Vorgehen nach der Anzeige von Herrn Khan war in meinen Augen vor diesem Hintergrund nicht besonderes hart», sagt Urbaniok. Ob es allerdings üblich ist, bei einer Drohung die Beschuldigten gleich mit Handschellen abzuführen und eine DNA-Probe zu nehmen, lässt er offen. Das sei eine Entscheidung der Polizei.

Tatsache ist, dass die Polizei an jenem Morgen keinen Durchsuchungsbefehl hatte. Dennoch nahmen sie bei zweien das Handy mit. Laut den Anwälten ist das nicht erlaubt. Sie haben deswegen gegen eine Reihe von Kantonspolizisten Strafanzeige eingereicht. Bemerkenswert ist, dass die Oberstaatsanwaltschaft gegenüber der Redaktion Tamedia am Dienstag schriftlich bestätigte, sie hätte einen Durchsuchungsbefehl gehabt. Am Folgetag liess sie dann verlauten, das sei ein «Missverständnis» gewesen. Es habe kein Durchsuchungsbefehl vorgelegen.



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Erstellt: 11.01.2020, 23:34 Uhr

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