Der Kampf um die Billigflieger

British Airways und Lufthansa reissen sich wieder um Low-Cost-Anbieter. Wem gehört die Zukunft?

Fliegt trotz Turbulenzen weiter: Eine Alitalia-Maschine hebt ab. Foto: Getty Images

Fliegt trotz Turbulenzen weiter: Eine Alitalia-Maschine hebt ab. Foto: Getty Images

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Europas Flugzeugindustrie hat ein neues Objekt der Begierde. Es heisst Norwegian Air Shuttle, ist ein norwegischer Billigfluganbieter und wird wegen seiner hohen Verschuldung seit Monaten als Pleitekandidat gehandelt.

Zweimal hat der British-Airways-Eigner IAG seit Mai ein Kaufangebot unterbreitet – und ist zweimal abgeblitzt. Im Juni enthüllte auch Lufthansa ihr Interesse an einem Zukauf. In einem Interview mit der «Süddeutschen Zeitung» sagte Konzernchef Carsten Spohr, dass man in Gesprächen sei. «Derzeit spricht in Europa jeder mit jedem. Es steht eine neue Konsolidierungswelle an», schob Spohr nach.

Bereits vergangenes Jahr hat sich die europäische Airline-Landschaft verändert. Drei Gesellschaften gingen Konkurs. Während Air Berlin und die britische Monarch von der Bildfläche verschwanden, fliegt Alitalia weiterhin. Auch um Norwegian rankten sich Pleitegerüchte.

Dass die Flieger mit den auffällig rot bemalten Schnauzen nun doch begehrt sind, hat vor allem einen Grund: Norwegian zählt unter den Low-Cost-Carriern zu den Vorreitern bei Langstreckenflügen. Mit dieser Erweiterung dürften sich die Norweger finanziell übernommen haben. Sie sind damit aber in einem Bereich tätig, der auch für andere Gesellschaften spannend sein dürfte – wie das Interesse etablierter Fluggesellschaften zeigt.

Deutlich hinter USA zurück

Trotz Gesprächen hier und dort ist eine spürbare Konsolidierung in der europäischen Airline-Branche noch immer in weiter Ferne. «Bislang ist keine signifikante Marktstrukturänderung sichtbar», sagt Jonathan Wober, Aviatik-Analyst des Centre of Aviation. Dafür sei beispielsweise ein Zusammenschluss von IAG und Lufthansa nötig, was heute aber kaum vorstellbar sei, so Wober.

Die letzten grösseren Aktionen waren zwischen 2004 und 2011 zu verzeichnen. Damals entstanden die heutigen Branchengrössen International Airline Group (IAG, British Airways und Iberia), die Lufthansa-Gruppe (u. a. Swiss, Austrian, Brussels Airlines) sowie der Zusammenschluss von Air France und KLM:

Konsolidierung der Netzwerk-Carrier in Europa

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Im Vergleich zum nordamerikanischen Markt gilt Europa noch immer als sehr fragmentiert. Während in den USA die sieben grössten Airlines 82 Prozent des Markts unter sich aufteilen, sind es in Europa nur 56 Prozent. In Bezug auf Passagierkilometer liegen Lufthansa, IAG und Air France-KLM praktisch gleichauf, gefolgt von Ryanair und EasyJet.

Auch nach den jüngsten Bereinigungen im europäischen Airline-Markt kommen immer wieder neue Anbieter hinzu, wie zuletzt Laudamotion der Formel-1-Legende Niki Lauda. «Das Airline-Business ist für Investoren immer noch sehr sexy, auch wenn einige Player sich nur eine Zeit lang halten können und dann wieder verschwinden», sagt Gerald Wissel vom Berater Airborne. Dies, obwohl ein Markteintritt je länger je schwieriger wird. «Wer die kritische Grösse nicht erreicht, überlebt nicht», sagt er.

Marktanteile europäischer Airlines

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Erfolgreich sind auch Nischenanbieter – wie die ungarische Wizz Air oder die isländische Wow Air. Wizz Air, die an der Londoner Börse kotiert ist, hat in den vergangenen Monaten ihren Wert mehr als verdoppelt.

Anhaltender Preisdruck

Zu schaffen macht zudem der anhaltende Preisdruck. Bei vielen Fluggesellschaften ist der Umsatz je Passagierkilometer deutlich zurückgegangen – dies als Folge immer günstigerer Flugtarife. «Dieser Druck wird anhalten», sagt Aviatik-Experte Wissel. Gleichzeitig hätten die Gesellschaften ihr Sparpotenzial weitgehend ausgereizt. «Um den Preiskampf aufrechtzuerhalten, müssen sie versuchen, mit Inflight-Angeboten Zusatzerlöse zu erzielen», sagt Wissel. Das führt dazu, dass etwa die Lufthansa-Tochter Swiss ab Genf für gewisse Günstigtarife auf Europaflügen keine kostenlose Verpflegung mehr abgibt.

Umsatz pro Passagierkilometer

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Ein ähnliches System hat auch Eurowings eingeführt. Der Lufthansa-Ableger kämpft derzeit mit abgesagten oder stark verspäteten Flügen, eine Folge des starken Wachstums nach der Übernahme vieler Air-Berlin-Maschinen.

«Wir sehen einen brutalen Verdrängungskampf in Europa. Anbieter, die den längeren Atem haben, werden überleben», sagt Airborne-Berater Gerald Wissel. Ein solches Umfeld ist für Investoren schwierig, wie die Entwicklung der Airline-Aktien in den vergangenen Jahren zeigt.

Kursverlauf Netzwerk-Carrier

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Bei den Netzwerk-Carriern konnte nur gerade IAG überzeugen, bei den Billigfliegern zeigten bloss die Titel von Ryanair eine überdurchschnittliche Entwicklung. Entsprechend anspruchsvoll ist die Aktienwahl.

Kursverlauf Billigairlines

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Bei potenziellen Übernahmekandidaten wie Norwegian auf attraktive Kursprämien zu wetten, ist riskant. Während Analysten hauptsächlich auf die Grössen Lufthansa und IAG sowie Ryanair setzen, bietet sich risikofreudigen Anlegern beispielsweise ein Engagement in EasyJet an. Der Low-Cost-Anbieter litt zuletzt auch unter dem Brexit-Malus. Das Bekenntnis zu ihrer einfachen Strategie bietet die Basis, auch künftig ansprechende Margen zu erzielen, was mit der Zeit auch von der Börse honoriert werden dürfte.

(Finanz und Wirtschaft)

Erstellt: 28.06.2018, 20:22 Uhr

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