Migros und Coop sperren sich gegen die Lebensmittelampel

Entgegen der Empfehlung des Bundes wollen die Grossverteiler keine Kennzeichnung von rot bis grün.

Müesliflocken stehen bei Kindern hoch im Kurs. Die Frage ist: Wie gesund sind sie? Foto: Getty Images

Müesliflocken stehen bei Kindern hoch im Kurs. Die Frage ist: Wie gesund sind sie? Foto: Getty Images

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Auf den Verpackungen der Frühstücksflocken prangt ein Tiger, ein Frosch, ein Einhorn oder ein Hase. Sie strahlen in den Regalen der Detailhändler um die Wette und machen Kindern die erste Mahlzeit des Tages schmackhaft. Doch hinter welchem Lächeln versteckt sich eine Zuckerbombe? Lebensmittelampeln sollen das auf einen Blick klarmachen. Deren breite Einführung scheitert in der Schweiz allerdings. Migros, Coop und andere sträuben sich.

Dies, obwohl der Bund sich klar für eine Kennzeichnung in Ampelfarben ausspricht. Die Angaben, die Hersteller derzeit auf ihre ­Packungen drucken, entsprechen zwar den gesetzlichen Vorgaben. «Sie sind aber für die meisten Konsumenten nicht oder nur schwer verständlich», sagt Stefan Kunfermann, Sprecher des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen.

Künftig sind nur noch die dabei, die mitmachen

Die Behörde favorisiert die Ampel Nutri-Score. Das in Frankreich, Spanien und Belgien bereits eingeführte System berücksichtigt ­verschiedene Eigenschaften von verarbeiteten Lebensmitteln pro 100 Gramm. Zucker oder gewisse Fettarten geben Minuspunkte, Nahrungsfasern, Ballaststoffe und andere Nährstoffe beeinflussen die Bewertung positiv. Als Resultat gibt es eine Note: vom grünen A bis zum roten E.

Das Bundesamt hat bereits zwei runde Tische veranstaltet, bei dem es Vertreter von Industrie und Handel über das System informiert hat. Die Einführung soll auf freiwilliger Basis erfolgen. Alle wichtigen Player waren bisher an den Veranstaltungen dabei. Am 2. Juli soll ein drittes Treffen stattfinden, aber nur noch mit denjenigen Unternehmen, «die sich für die Einführung von Nutri-Score entschieden haben», sagt Kunfermann.

Vermeintlich ähnliche Produkte schneiden unterschiedlich ab

Ein Gedränge um den runden Tisch zeichnet sich nicht ab. Mi­gros und Coop klinken sich aus. Eine Teilnahme sei nicht vorgesehen, sagt ein Sprecher der IG Detailhandel, an die beide Grossverteiler für eine Stellungnahme zum Thema verweisen. Man sei gegenüber der Einführung einer Ampel kritisch. «Solche Systeme nehmen keine Rücksicht auf die individuellen Ernährungsbedürfnisse», sagt Sprecherin Athéna Martinez. Es bestehe keine Notwendigkeit, in der Schweiz ein spezifisches System voranzutreiben. Neben Coop und Migros sind auch Denner und Manor Teil der IG Detailhandel.

Auch der mächtige Dachverband der Schweizer Nahrungsmittelindustrien, Fial, wird im Juli nicht am runden Tisch teilnehmen, wie Co-Geschäftsführer Urs Furrer sagt. Man wolle sich nicht jetzt schon auf Nutri-Score fixieren. «Wir sind nicht grundsätzlich gegen ein vereinfachtes Kennzeichnungssystem. Wir möchten aber erst abwarten, wie sich Deutschland entscheidet», sagt Furrer. Dies, weil das Nachbarland der wichtigste Exportmarkt für viele Hersteller von Produkten wie Schokolade und Backwaren sei.

Der Bund bezeichnet Nutri-Score als einfach verständliche Orientierungshilfe. Ernährungsempfehlungen ersetze das System aber nicht. Auch Gesundheitsminister Alain Berset hat sich für eine transparentere Kennzeichnung von Nahrungsmitteln ausgesprochen.

Konsumentenschützer sind enttäuscht

Dass es bei auf den ersten Blick ähnlichen Produkten deutliche Unterschiede gibt, zeigt eine Stichprobe von Frühstücksflocken mit Schokolade. Das Produkt von Nesquik erhält in der Ampel ein A, wie die Berechnung der Westschweizer Konsumentenschutzorgani­sation FRC ergibt. Das Schoggi-­Müesli der Migros kommt dagegen nur auf ein C, obwohl auf der Verpackung prominent der Schriftzug «–50 Prozent Fett» steht. Entscheidend für das Resultat ist der Zuckergehalt. Überraschende Ergebnisse gibt es auch bei Müesli­riegeln: «Farmer Crunchy Natural» der Migros erhält ein C. Das Pendant von Coop, «Country Crunchy Nature», erreicht dagegen die Bestnote A. «Der Riegel der Migros erhält sehr viele gesättigte Fettsäuren, die mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung gebracht werden», sagt Barbara Pfenniger von FRC.

Sie zeigt sich enttäuscht über die Weigerung der Grossverteiler, am System teilzunehmen. «Coop und Migros wollen ihre Kunden offenbar nicht transparent informieren.» Sara Stalder von der Stiftung für Konsumentenschutz spricht von einem Affront gegenüber der Kundschaft. «Es passt gar nicht zum kundennahen Imagemäntelchen, das sich die beiden orangen Riesen gerne umhängen.»

Deutschland könnte aufspringen

Grosskonzerne zeigen sich gegenüber einer Ampel viel offener als die Schweizer Detailhändler. Der französische Multi Danone führt Nutri-Score auf all seinen Produkten in der Schweiz ein. Auch der weltgrösste Nahrungsmittelhersteller Nestlé sendet positive Signale. Das Unternehmen setze sich für eine einheitliche Lösung in Europa ein, sagte Chef Mark Schneider jüngst in einem Interview mit der SonntagsZeitung. «Nutri-­Score ist eine mögliche Lösung.»

Viel hängt davon ab, wie Deutschland entscheidet. CDU-Ernährungsministerin Julia Klöckner will bis im Herbst eine Empfehlung abgeben. Die SPD und deutsche Verbraucherverbände ­haben sich klar für Nutri-­Score ausgesprochen.

Macht auch Deutschland bei Nutri-Score mit, käme das der von Nestlé geforderten europäischen Lösung näher. Wenn grosse Multis wie Nestlé die Ampelfarben auf ihre Produkte drucken, dürften auch die um ihr Nachhaltigkeits-Image bedachten Schweizer Grossverteiler nicht mehr lange im Abseits stehen.

Erstellt: 09.06.2019, 20:32 Uhr

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