SBB suchen Personal – und zahlen 2500 Franken für Tipps

Statt in Zürich und Bern müssen SBB-Angestellte künftig nach Olten zur Arbeit. Das hat zu Kündigungen geführt. Neues Personal wird nun dringend gesucht.

Rund 200 Jobs werden im Jahr 2020 von Zürich und Bern in die Betriebszentrale in Olten verschoben.

Rund 200 Jobs werden im Jahr 2020 von Zürich und Bern in die Betriebszentrale in Olten verschoben. Bild: Urs Flüeler/Keystone

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Die SBB-Chefs haben eine neue Vision, die sie bei jeder Gelegenheit propagieren. Sie heisst: «Die Bahn im Griff und Mobilität der Zukunft gestalten.» Dafür braucht es vor allem motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Doch die scheinen schwer zu finden zu sein. Dies zeigt das Beispiel einer laufenden Reorganisation bei den Bundesbahnen.

400 Angestellte der SBB sollen künftig an einem anderen Ort arbeiten. Sie entscheiden zum Beispiel, wann ein Halt ausgelassen wird, um eine Verspätung aufzuholen. Oder auch darüber, wann bei einer Panne Ersatzzüge in den Einsatz kommen. Gestartet wurde die Umsetzung des Projekts Anfang dieses Jahr. Diese Arbeiten laufen künftig in vier Zentren in der Schweiz zusammen.Rund 200 Jobs werden 2020 nach Olten verschoben. Die betroffenen Beschäftigen arbeiten heute in Zürich und Bern.

Kurz nach dem Bekanntwerden der Pläne im vergangenen November warnte die Gewerkschaft SEV davor, dass Fachkräfte davonlaufen werden. Genau das ist nun eingetreten. Wie viele es sind, darüber schweigen sich die SBB aus. Es handle sich um eine normale Fluktuation wie bei Reorganisationen üblich.

Doch die Leitung eines sogenannten Traffic Control Centers hat nun wegen der fehlenden Angestellten reagieren müssen. Werden «neue externe Mitarbeitende durch bestehende SBB-Mitarbeitende gewonnen», erhalten diese eine «Gewinnungsprämie von 2500 Franken», heisst es in einem Schreiben an die Angestellten. Und die Chefetage dankt schon mal im Voraus für eine gute Mundpropaganda.

Die Qualität leide

Die Prämie ist nicht neu. Bereits 2011 wurde bekannt, dass die SBB auf der Suche nach Lokführern Gelder auszahlt. Doch die Leitung des Centers, das künftig in Olten sein wird, «hat beschlossen, diese Art der Vermittlung proaktiv zu kommunizieren», wie es im Schreiben weiter heisst. Der Druck muss also gross sein.

Die SBB bestätigen, dass dieser Aufruf konkret mit der Reorganisation zu tun habe. «Da es sich dabei um operative Bereiche handelt, sind wir besonders froh, wenn wir offene Stellen möglichst rasch besetzen können», sagt ein Sprecher.

Bei der Gewerkschaft fühlt man sich durch das Schreiben bestätigt. So sagt SEV-Sekretär René Zürcher: «Es ist eingetroffen, wovor wir die SBB gewarnt haben: Es gab viel Fluktuation, und nun muss man mit solchen Aktionen versuchen, den Schaden in Grenzen zu halten.» Darunter leide auch die Qualität der Arbeit in den Traffic Control Center.

Die SBB halten dagegen. Das Know-how sei nach wie vor vorhanden, sodass neue Mitarbeitende rasch eingearbeitet werden können.

Fest steht: Die SBB brauchen neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den neuen Zentren. Doch es gibt Hindernisse. Wer sich heute auf einen Job bewirbt, der künftig in Olten angesiedelt sein wird, müsste zuerst nach Bern pendeln. Dort wird momentan ein Teil des Regionalverkehrs betreut. Der Grund dafür laut den SBB: Es gehe darum, Wissen aufzubauen, damit diese Tätigkeiten später in Olten ausgeführt werden können.

Die Gewerkschaft sieht es anders: Es habe wegen der Fluktuation schlicht zu wenig Personal in Olten, um die Aufgaben dort zu bewältigen. Die SBB bestreiten dies.

Weniger Lohn wegen Zwangsverschiebung

Der Wechsel von Bern und Zürich in die Provinz hat auch finanzielle Konsequenzen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie erhalten in Bern und Zürich einen Regionenzuschlag von mehreren Tausend Franken. Dieser fällt in Olten weg. Der Zuschlag wird nach einem Wechsel noch für zwei Jahre ausbezahlt, danach wird er gestrichen.

Die SBB versuchen, beim Umzug Rücksicht auf die Beschäftigten zu nehmen. Es werde angeschaut, wie die Schichten der Arbeitszeit gelegt werden, damit eine Anreise wenn immer möglich auch mit dem öffentlichen Verkehr erfolgen könne, sagt ein SBB-Sprecher.

In jedem Fall wird dies aber nicht möglich sein. Angestellte, die etwa westlich von Bern wohnen und heute in der Bundesstadt arbeiten, dürften sich zweimal überlegen, ob sie den Arbeitsweg nach Olten in Kauf nehmen wollen.

Damit in Zukunft wieder mehr Fachkräfte für die Aufrechterhaltung des Bahnbetriebs vorhanden sind, überarbeitet die Branche momentan die Ausbildung zur Fachfrau ÖV, zum Fachmann ÖV. Dabei soll ein stärkerer Fokus auf die Dispositionsberufe gelegt werden. Bis es so weit ist, werden die Angestellten aber noch selber auf die Suche nach neuen Kolleginnen und Kollegen gehen müssen.

Erstellt: 18.07.2019, 21:59 Uhr

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