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Die Antithese zur Nobelpreis-Theorie

Wiegen Verluste wirklich schwerer als Gewinne? Forscher fechten ein zentrales Prinzip der Verhaltensökonomie an.

Niemand will Besitz verlieren: Ein Pokerspieler hat sich verzockt. Foto: iStock
Niemand will Besitz verlieren: Ein Pokerspieler hat sich verzockt. Foto: iStock

Es ist die gleiche Tasse. Doch einmal ist sie sieben und einmal nur drei Dollar wert – wie kann das sein? In einem Experiment wurde die Tasse an Versuchsteilnehmer verschenkt. Diese wurden in zwei Gruppen eingeteilt. Die erste Gruppe musste für die Tasse einen Verkaufspreis, die zweite einen Kaufpreis festlegen. Die Teilnehmer verlangten danach sieben Dollar, um sich von ihr zu trennen. Doch stand die Tasse zum Kauf, wollten Versuchsteilnehmer nur drei Dollar dafür bezahlen.

Dieser und andere Versuche der Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky sind Klassiker der Verhaltensökonomie. Die Ergebnisse solcher Experimente war eine Revolution für die Ökonomie: Menschen sind keine einfachen Rechenmaschinen – für sie scheint ein Verlust weit schmerzhafter, als ein vergleichbarer Gewinn sie freut. Nach manchen Schätzungen wiegt ein Verlust mehr als doppelt so schwer wie ein Gewinn.

Kahneman, Wirtschaftsnobelpreisträger des Jahres 2002, und Tversky bauten aufgrund dieser Erkenntnis der Verlustaversion 1979 ihre Prospect Theory (siehe Text unten). Und eröffneten damit den neuen Zweig der Verhaltensökonomie, die sich stark auf Experimente stützt, um das tatsächliche Handeln von Menschen zu ergründen. Und nicht nur theoretisch zu spekulieren.

Das Prinzip gilt nicht absolut

Verlustaversion gibt es gar nicht – zumindest nicht als absolutes Prinzip. Das meinen die Marketing-Professoren David Gal und Derek Rucker in einer neuen Studie: «Unsere Resultate variieren zwar je nach der Art des Gutes. Aber wir haben keinen Beweis gefunden, dass Verluste vorrangig schwerer wiegen als Gewinne.» Sie sägen damit an einem wichtigen Standbein der Verhaltensökonomie. Manchmal wiegten Verluste schwerer, bisweilen hätten Gewinne und Verluste einen gleich grossen Effekt, mitunter seien Gewinne wichtiger.

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Video: Die Prospect Theory

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Es hängt also vom Kontext ab, glauben die zwei Ökonomen. Die verschiedenen Effekte, die in der Forschungsliteratur auf die Verlustaversion zurückzuführen sind, versuchen Gal und Rucker teils anders zu erklären (siehe Text unten). Ein wichtiges Prinzip, das man als die übermässige Abneigung gegen Verluste interpretieren kann: Die Bevorzugung des Status quo, des jetzigen Zustands. Doch laut den Kritikern gilt diese Präferenz für Gewinne wie Verluste.

Menschen sind träge

Pavlo Blavatskyy, Professor an der Montpellier Business School, bestätigt im Gespräch mit der «Finanz und Wirtschaft»: «Verlustaversion kann zum Teil mit einer Bevorzugung des Status quo erklärt werden. Die Menschen sind faul, sie wollen ihren jetzigen Zustand nicht verändern.» Blavatskyy hat in seiner Forschung nur einen kleinen Effekt festgestellt, der in Richtung der Verlustaversion deutet. Er untersuchte das Verhalten von Kandidaten bei der Fernsehsendung «Deal or No Deal»: «Dort können Kandidaten einen Koffer mit einer unbekannten Summe an Geld gegen einen anderen Koffer tauschen. Dabei wissen sie nicht, ob der andere Koffer mehr oder weniger Geld enthält. 40 bis 46 Prozent der Kandidaten tauschen den Koffer – das deutet auf einen begrenzten Effekt hin.»

«Ich wäre vorsichtig, die gesamte Forschungsliteratur über Verlustaversion entkräften zu wollen.»

Pavlo Blavatskyy, Montpellier Business School

Der Kritik von Gal und Rucker begegnet er offen: «Ich bin nicht überrascht, dass das Prinzip der Verlustaversion kritisiert wird.» Aber er schränkt ein: «Ich wäre vorsichtig, die gesamte Forschungsliteratur über Verlustaversion entkräften zu wollen.» Es gebe eine Fülle von Artikeln, die dieses Muster im Verhalten von Menschen schildern.

Doch ergebe sich in den Experimenten ein grundsätzliches Problem: «Es gilt als unmoralisch, Versuchsteilnehmern echte wirtschaftliche Verluste aufzubürden.» Damit seien die Erkenntnisse begrenzt, da nur Geld in Gefahr sei, mit dem man im Versuch ausgestattet wurde.

Evidenz summiert sich auf

Thorsten Hens, Finanzprofessor an der Universität Zürich, meint zur Kritik von Gal und Rucker: «Man sollte bedenken, dass Finance eine Sozialwissenschaft ist – es gibt keine absoluten Wahrheiten.» Die Evidenz müsse sich erst aufsummieren: «Erst nach vielen Wiederholungen zeichnet sich eine Tendenz, beispielsweise für oder gegen die Verlustaversion, ab.»

In seinen Untersuchungen hat Hens «eher Evidenz» für die Verlustaversion festgestellt – in Laborexperimenten wie auch in Marktdaten. «Aber natürlich muss man sehr aufpassen, dass dieser Effekt nicht aus anderen Gründen entsteht», sagt Hens. So sei es möglich, dass jemand Verluste meidet, weil das Risiko für diese Person nicht tragbar ist.

«Es ist schwierig, gegen eine Theorie zu argumentieren, für die der Nobelpreis vergeben wurde.»

Pavlo Blavatskyy, Professor

Diese Unterscheidung zwischen dem Vermeiden von Risiko und dem Vermeiden von Verlusten ist aus Sicht der ökonomischen Erklärung wichtig. Gal und Rucker führen aus: «Wenn 50 Dollar zu verlieren den eigenen Lebensstil stärker beeinflusst, als 50 Dollar zu gewinnen, ist es völlig rational, dass der Verlust einen grösseren psychologischen Effekt hat als ein Gewinn.» Dafür brauche es die Verlustaversion nicht.

Pavlo Blavatskyy sieht im Wissenschaftsbetrieb einen Grund, warum die Verlustaversion nicht stärker hinterfragt wird: «Eine Studie wird viel wahrscheinlicher von einer renommierten Zeitschrift akzeptiert, wenn ein Behavioral Bias – eine Auffälligkeit im Verhalten – nachgewiesen wird.» Gebe es dieses Resultat nicht, sei die Publikation schwierig.

Es braucht einen Tsunami

Die Theorie von Kahneman sei durch den Nobelpreis im Jahr 2002 sehr dominant geworden: «Es ist schwierig, gegen eine Theorie zu argumentieren, für die der Nobelpreis vergeben wurde», sagt Blavatskyy. Es brauche einen «regelrechten Tsunami», um solch einen dominanten Ansatz wie die Prospect Theory umzustossen. «Wenn neue Ergebnisse auftauchen, wird man eher die Theorie erweitern als sie umzustürzen», nimmt Blavatskyy an.

«Nur weil es schmerzhaft ist, etwas zu verlieren, ist das noch kein Beweis für Verlustaversion.»

David Gal und Derek Rucker

Mit der Studie von David Gal und Derek Rucker ist nicht das letzte Wort gesprochen – die Diskussion innerhalb der Verhaltensökonomie geht weiter. Es ist ein gutes Zeichen, wenn Psychologen und Wirtschaftswissenschaftler auch grundsätzliche Annahmen hinterfragen.

Es ist für jeden nachvollziehbar: Ein Verlust schmerzt. Ob im Pokerspiel oder an der Börse – niemand will Geld oder einen Besitz verlieren. Das Prinzip, dass der psychologische Effekt eines Verlusts schmerzhafter ist als das gute Gefühl eines Gewinns, nennt man Verlustaversion (Loss Aversion). Doch nur weil es für Menschen schmerzhaft ist, etwas zu verlieren, ist das noch kein Beweis für Verlustaversion. Das betonen die Ökonomen David Gal und Derek Rucker

Dank der eigenen Erfahrung des Gefühls, etwas zu verlieren, klinge Verlustaversion für viele Menschen intuitiv einleuchtend. Aber: «Menschen gewinnen gewisse Gegenstände lieb, die sie besitzen.» Damit misst man dem Gegenstand einen höheren Wert zu als zu der Zeit, als man diese Verbundenheit noch nicht entwickelt hat. Dagegen geht das Prinzip der Verlustaversion davon aus, dass Verluste schon allein dadurch stärker wirken als Gewinne, weil sie einen negativen statt positiven Effekt haben.

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Was Verlustaversion alles erklären soll

Das Konzept der Verlustaversion hat jede Menge Forschungsvorhaben angestossen. Das zeigt die Vielzahl an beobachteten Phänomenen, die mit ihr in Verbindung gebracht werden. In ihrem Aufsatz kritisieren David Gal und Derek Rucker diese Fülle – die Beobachtungen könne man oft anders erklären.

Status-quo-Präferenz:

Menschen bevorzugen den jetzigen Zustand gegenüber einer Veränderung. Da dadurch das Bestehende verloren geht, wird das teils als Verlustaversion gewertet. Doch hierbei geht es laut einem Experiment von Gal um die Präferenz von Nicht-Handeln gegenüber Handeln – sie hänge nicht davon ab, ob man dabei gewinnt oder verliert.

Endowment Effect (Besitztumseffekt):

Das entspricht dem Beispiel im Text oben mit der Tasse. Versuchsteilnehmer verlangen einen höheren Preis für den Verkauf von etwas, das sie schon besitzen, als was sie dafür ausgeben würden. Doch auch hier sei der entscheidende Effekt, dass keine Handlung bevorzugt wird, meint Gal.

Unterschiedliche Preiselastizität:

Nach einer Studie reagieren Kunden stärker auf Preiserhöhungen als auf Preissenkungen. Die Kritiker glauben das nicht: Es gibt unterschiedliche Kundentypen, die jeweils anders auf Preisänderungen reagieren. Ausserdem sei der Effekt in Experimenten nicht nachgewiesen worden.

Dispositionseffekt:

Anleger verkaufen Aktien nach einem Gewinn zu früh und halten zu lange an Verlierern fest. Für die Kritiker ist das hingegen eher der Reflection Effect, der auch von Tversky und Kahneman eingeführt wurde, statt Verlustaversion. Es wird – bei gleichem Erwartungswert – lieber eine unsichere Wette angenommen als ein sicherer Verlust akzeptiert. Dagegen präferiert man lieber einen sicheren Gewinn als die riskante Wette. Ausserdem könne es sein, dass Anleger daran glauben, dass sich die Kurse wieder ihrem historischen Durchschnitt annähern.

Equity Premium Puzzle (Rätsel der hohen Aktienrendite):

Studien legen nahe, dass Anleger viel zu wenig in höher rentierende Aktien und zu viel in Anleihen investieren. Um das mit höheren Schwankungen von Aktien zu erklären, müssten die Investoren in einem unplausiblen Ausmass Risiko meiden. Daher wird die Verlustaversion herangezogen. Dafür gibt es aber auch eine Vielzahl anderer Erklärungsansätze.

Sunk Cost Effect (Effekt nicht rückholbarer Kosten):

Ein Projekt oder eine Investition wird oft weitergeführt, obwohl es sich nicht mehr rechnet. Da man die entstandenen Kosten nicht abschreiben will, könnte das eine Verlustaversion anzeigen. Doch da Gewinn und Verlust nicht in Relation gesetzt werden, lehnen Gal und Rucker diese Kategorisierung ab.

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Eine Theorie menschlichen Verhaltens

«Die Theorie hat erreicht, die Ergebnisse vieler Einzelexperimente zusammenzufassen», erklärt Pavlo Blavatskyy, Professor an der Montpellier Business School. «Das ist ein grosses Verdienst», fügt er hinzu. Es geht um die von den Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky entwickelte Prospect Theory. Diese steht in Konkurrenz zur klassischen Theorie des Erwartungsnutzens (Expected Utility Theory), die in der Volkswirtschaftslehre am weitesten verbreitet ist.

Die ältere Theorie – die auf den Basler Mathematiker Nicolaus Bernoulli zurückgeht – erlaubt zwar, dass bei gleichem Erwartungswert ein sicheres Ergebnis gegenüber einem unsicheren bevorzugt wird. Doch die Prospect Theory legt dagegen Wert darauf, dass das Verhalten von der Änderung gegenüber einem Referenzpunkt abhängt (vgl. Grafik). Ein Verlust hat einen anderen Effekt auf das Wohlbefinden als ein Gewinn.

Verlustaversion

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Daraus folgt nicht nur die Aversion gegen Verluste, sondern auch der Reflektionseffekt: Die Einstellung gegenüber der Unsicherheit ändert sich, je nachdem, ob ein Verlust oder ein Gewinn betroffen ist. Ist ein Verlust sicher, geht man lieber unsichere Wetten ein, um diesen Schaden zu vermeiden. Bei Gewinnen ist die Risikobereitschaft dagegen niedriger.

Blavatskyy sieht die Theorie nicht als absolute Wahrheit: «Meinen Studenten erkläre ich die Prospect Theory als ein Gebiet der andauernden Forschung.» Sie stünde in Konkurrenz mit anderen Erklärungsansätzen.

Das Konzept der Prospect Theory ist verwandt mit dem «Mental Accounting», das der Psychologe Richard Thaler entwickelt hat. Menschen würden dabei nicht wie in der klassischen Ökonomie ihren Nutzen maximieren, sondern in «geistigen Konten» verbuchen. Auch hier geht es um Veränderungen gegenüber Referenzpunkten: Geht schon eingeplantes Geld verloren? Oder kommt Geld überraschend hinzu? Werden Gewinne und Verluste zusammen addiert oder getrennt betrachtet? Das Verhalten und der psychologische Effekt ändern sich je nachdem, wie man eine Situation sieht.

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