Peter Spuhler setzt sich gegen Chinas Zug-Giganten durch

Stadler Rail verhindert den Europa-Markteintritt des Bahnbauers CRRC. Über einen der seltsamsten Deals in der Eisenbahnbranche.

Insider der Bahnbranche erzählen, dass dem Stadler-Gründer Peter Spuhler dieses Geschäft besonders wichtig war. Foto: Keystone

Insider der Bahnbranche erzählen, dass dem Stadler-Gründer Peter Spuhler dieses Geschäft besonders wichtig war. Foto: Keystone

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Er werde den ungleichen Kampf nicht aufgeben. So begründete am Montag in einer schnell einberufenen Medienkonferenz Hans-Peter Haselsteiner, Mehrheitseigentümer der österreichischen privaten «Westbahn» und Gründer des Baukonzerns «Strabag», einen der seltsamsten Deals, der jemals in der Eisenbahnbranche geschlossen wurde.

Derzeit fährt die «Westbahn» mit 17 Zügen des Typs «Kiss» des Schweizer Bahnbauers Stadler Rail im Halbstundentakt zwischen Wien und Salzburg. Nun werden alle Garnituren an die Deutsche Bahn DB verkauft, obwohl sie die erste Tranche erst acht und die zweite sogar erst zwei Jahre alt ist. Stattdessen kauft die «Westbahn» neue Züge – wieder bei Stadler Rail, wieder vom Typ Kiss.

Die seltsame Rochade begründet Haselsteiner mit dem derzeit niedrigen Zinsniveau. Die Medienstelle von Stadler Rail hüllt sich in Schweigen. Insider der Bahnbranche erzählen, dass dem Stadler-Gründer Peter Spuhler dieses Geschäft besonders wichtig war und er deshalb alle Hebel in Bewegung setzte, um den schärfsten Konkurrenten auszubooten: Den chinesischen Bahnbauer CRRC.

«Europäische Hersteller können einpacken»

Als die «Westbahn» vor vier Monaten den Verkauf ihrer Kiss-Flotte ankündigte, führte das zu einem mittleren Erdbeben in der Branche. Es galt als so gut wie sicher, dass die Privatbahn stattdessen chinesische Züge kaufen werde. Die deutsche Fachzeitschrift «Bahn-Manager» titelte «Westbahn verhilft CRRC zum Durchbruch» und zitierte einen Manager des kanadisch-europäischen Bahnbauers «Bombardier» mit einer Warnung: Sollten die chinesischen Bahnbauer in Europa Fuss fassen, «können europäische Hersteller einpacken».

Das hat Peter Spuhler nun vorerst verhindert. Vermutlich allerdings nicht alleine: Die französische Staatsbahn SNCF soll als Minderheitseigentümer der «Westbahn» massive Bedenken gegen den Einstieg der Chinesen gehabt haben. Und dann kamen noch technische Hindernisse hinzu: Kein europäischer Hersteller wollte angeblich die Ausrüstung für das Europäische Zugsüberwachungssystem ETCS an CRRC liefern. Ohne ETCS hätten die Züge in Europa aber nicht unterwegs sein dürfen.

Die private österreichische «Westbahn» setzt weiterhin auf Stadler-Züge. Foto: Michael Gruber/imago

Er schliesse für die Zukunft China als Geschäftspartner nicht aus, erklärte Hans-Peter Haselsteiner bei der Medienkonferenz. Jetzt habe es halt «mit Stadler besser gepasst».

«Wir sind mit Stadler extrem glücklich, für uns war das ein Befreiungsschlag», sagt auch der ehemalige SBB-Chef Benedikt Weibel, Vorsitzender des Aufsichtsrats bei der Westbahn: «Die letzten Monate waren schon sehr schwierig.» Die «Westbahn» holte bei fünf grossen Herstellern Offerte ein. Die Chinesen hätten wohl rechtzeitig liefern können, glaubt Weibel: «Aber das Zulassungsverfahren für die Züge wäre extrem schwierig geworden.»

«Ich habe keinen Geldscheisser im Keller»

Von Stadler Rail wird die Westbahn im Jahr 2021 insgesamt 15 sechsteilige Züge vom Typ Kiss 3 erhalten, eine modernisierte Version des ursprünglichen Kiss-Modells, wie es auch auf der Zürcher S-Bahn verkehrt. Anders als die S-Bahn-Züge können die Fernverkehrs-Kiss bis 200 km/h fahren. Vom selben Typ baut Stadler derzeit 40 Garnituren für die ungarische Staatsbahn, auch sie sollen bis 2021 ausgeliefert werden. Als Kaufpreis wurde in ungarischen Medien etwa 20 Millionen Franken pro Garnitur genannt. Stadler gibt dazu keine Auskünfte.

Die Züge der «Westbahn» sind zwar meistens sehr gut ausgelastet, das Unternehmen kam dennoch nie aus den roten Zahlen. Mehrheitseigentümer Haselsteiner macht dafür die Verkehrspolitik verantwortlich, welche Wettbewerb auf Schienen verhindere und den Monopolisten ÖBB stütze. Seit ihrem Beginn habe die «Westbahn» 80 Millionen Euro Verlust angehäuft, klagte Haselsteiner: «Ich habe keinen Geldscheisser im Keller.»

Probleme mit Bombardier-Doppelstöckern

Um die Verluste in den Griff zu bekommen, muss die Westbahn bereits diesen Herbst einen Teil ihrer Flotte an die Deutsche Bahn verkaufen. Weil die neuen Stadler-Züge erst in zwei Jahren erwartet werden, wird der Betrieb zwischen Wien und Salzburg von einem Halbstunden-Takt auf einen Stundentakt ausgedünnt. Haselsteiner hofft jedoch, dass die Westbahn «auch zu ruinösen Konditionen den Betrieb aufrecht halten kann».

Dass die Deutschen so sehr auf den Kauf der Stadler-Züge drängen, hängt wiederum mit den Problemen eines anderen internationalen Bahnbauers zusammen: Die DB kaufte bei Bombardier Doppelstockzüge, die im Wesentlichen den umstrittenen Schweizer Fernverkehrs-Dostos entsprechen. So wie bei den Schweizer Zügen, gibt es auch bei jenen in Deutschland massive Probleme, vor allem mit der Software, die sich immer wieder von selbst abschaltet.

Um den geplanten Taktfahrplan in Brandenburg, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern dennoch umsetzten zu können, kauft die DB deshalb die gebrauchten Stadler-Garnituren aus Österreich. Die Züge seien fast neu, heisst es in einer Medienmitteilung der DB: «Sie haben bei Kunden höchste Zufriedenheitswerte erreicht».

Erstellt: 22.07.2019, 18:55 Uhr

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