Publibike will am Leben bleiben – und ist auf Partnersuche

Das Unternehmen will sich mit der Hilfe staatsnaher Betriebe aus der Krise ziehen. Das verärgert private Mitbewerber.

Bisher gibt es zu wenig Nutzer: Publibike ist in Bern derzeit mit knapp 1700 Mietvelos präsent. Foto: Franziska Rothenbühler

Bisher gibt es zu wenig Nutzer: Publibike ist in Bern derzeit mit knapp 1700 Mietvelos präsent. Foto: Franziska Rothenbühler

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Der Entscheid kam von ganz oben: Der Verwaltungsrat der Schweizerischen Post lässt die verlustreiche Tochtergesellschaft Publibike weiter am Leben. Allerdings soll sie Hilfe von aussen suchen. Der Veloverleih muss Partnerschaften eingehen, um die Verlustzone zu verlassen. Die Firma gehört vollständig zur Postauto Schweiz AG, die wiederum ein Konzernbereich der Post ist. Private Konkurrenten wie das Zürcher Jungunternehmen Smide kritisieren dieses Vorgehen, da sie sich der Übermacht eines Staatsbetriebs ausgesetzt sehen.

Wenig lukratives Geschäft

Publibike erwirtschaftete von 2012 bis 2015 ein Minus von 4 Millionen Franken. Das Geschäft mit geliehenen Velos ist deshalb wenig lukrativ, weil es Kosten in Millionenhöhe braucht, um in einer Stadt ein Netz aufzubauen. Damit der Betrieb rentiert, müssen die eingesetzten Bikes mehrmals pro Tag zum Einsatz kommen. Dazu hat es aber noch zu wenig Nutzer. Die Städte Zürich und Bern sind die beiden wichtigsten Märkte. Die Post finanziert Publibike direkt über einen Kreditvertrag zu marktüblichen Konditionen.

Branchenkenner rechnen damit, dass vor allem Städte und staatsnahe Unternehmen wie Verkehrsbetriebe an einer Zusammenarbeit mit Publibike interessiert sein könnten. Letztgenannte können so Lücken bei der letzten Mobilitätsmeile schliessen. Gemeint sind die restlichen Meter zwischen Haltestelle und Hauseingang.

Erste Signale in diese Richtung gibt es aus Bern. Dort ist Publibike mit knapp 1700 Mietvelos präsent. Die Bundesstadt würde eine Partnerschaft mit dem Veloverleih der Post zumindest sorgfältig prüfen, sagte Verkehrsplaner Karl Vogel gegenüber dem «Bund». Auch die SBB und die stadtbernischen Verkehrsbetriebe Bernmobil zeigen sich einer Zusammenarbeit gegenüber offen.

«Veloverleih gehört nicht zum Kerngeschäft der Post.»Thierry Burkart, FDP-Nationalrat

In der Stadt Zürich kann Publibike nicht mit einem Einspringen des Staates rechnen. Indirekt ist die öffentliche Hand dennoch involviert, denn beide Hauptsponsoren sind Staatsbetriebe: die Zürcher Kantonalbank und das städtische Elektrizitätswerk.

Dem privaten Veloverleih Smide stossen die Rauchzeichen aus Bern sauer auf. «Das Geschäftsgebaren von Publibike führt zu einer Verzerrung des Wettbewerbs», sagt Thomas Marty, Länderchef für die Schweiz. Er weist auf die Wahrscheinlichkeit hin, dass die Tochterfirma eines Regiebetriebs mit anderen staatlichen Instanzen zusammenarbeiten werde. «Wir müssen Geld verdienen, während Publibike auf Unterstützung durch Firmen hoffen kann, die der Steuerzahler mitfinanziert», sagt Marty.

Postauto als Muttergesellschaft von Publibike bestreitet die Vorwürfe: «Die Städte haben die Netze öffentlich ausgeschrieben. Publibike hat die Ausschreibungen gewonnen und erfüllt einen öffentlichen Auftrag», sagt Sprecherin Katharina Merkle.

«Im Falle von Bern ist die Stadt Bestellerin des Angebots von Publibike, Regulatorin und auch grösste Kundin.»Thomas Marty, Länderchef für die Schweiz

Der Länderchef von Smide kritisiert auch die verschiedenen Rollen, welche Städte in den Geschäftsbeziehungen mit Publibike einnehmen. «Im Falle von Bern ist die Stadt Bestellerin des Angebots von Publibike, Regulatorin und auch grösste Kundin», sagt Marty. Er spricht damit auf die Wettbewerbssituation in der Bundesstadt an.

Aktuell gilt dort ein Fünfjahresvertrag bis zum Jahr 2023. Diesen hat das Unternehmen mit der Stadt Bern abgeschlossen. Das Geschäft kam dank einer Ausschreibung zustande. Die Bieler Firma Velospot offerierte, unterlag aber Publibike. Denn die Posttochter offerierte der Stadt ihr Verleihsystem gratis. Bern muss lediglich den Grund für die Leihstationen zur Verfügung stellen und Werbung machen. Die Stadt zahlt ansonsten nur für die Dauer des Vertrags 780'000 Franken für die Abos ihrer rund 3000 Angestellten und für die 8 Extrastationen, die Publibike vor Verwaltungsgebäuden baut.

Politik schaut hin

Im Gegensatz dazu hat Smide von Bern bis 2023 eine Bewilligung für ein Free-Floating-System erhalten. Das heisst, die Nutzer müssen die elektronischen Mietvelos nicht an festen Stationen abstellen. Aktuell sind in der Stadt 50 E-Bikes im Einsatz. Smide hat Anrecht auf eine Flottengrösse von 300 Fahrzeugen.

In Zürich ist der Wettbewerb härter. Nebst Publibike und Smide sind Dienstleister wie Bird und Tier mit E-Trottinetts aktiv. Zudem läuft der kostenlose Veloverleih «Züri rollt» weiter.

Ein Auge auf Publibike halten auch Parlamentarier. Der Aargauer FDP-Nationalrat Thierry Burkart sagt: «Veloverleih gehört nicht zum Kerngeschäft der Post oder einer Kantonalbank.» Staatsnahe Betriebe sollen nicht in Märkte einsteigen, die privaten Anbietern überlassen werden können. «Städte müssen dies bei Ausschreibungen berücksichtigen», fordert Burkart, der in der Verkehrskommission sitzt.

Erstellt: 13.07.2019, 20:08 Uhr

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