Die ganze Wahrheit über 5G

Tote Vögel, schädliche Strahlung, Hirntumore: Astrophysiker Ben Moore erklärt, was an den Schauergeschichten über 5G wirklich dran ist.

Die neue Technologie löst Ängste aus: Demonstration gegen den Ausbau des 5G-Netzes in Bern. Foto: Peter Klaunzer, Keystone

Die neue Technologie löst Ängste aus: Demonstration gegen den Ausbau des 5G-Netzes in Bern. Foto: Peter Klaunzer, Keystone

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Über 5G sind zurzeit viele Schauergeschichten im Umlauf: «Hunderte von Vögeln fallen während eines 5G-Tests in den Niederlanden vom Himmel!» Fake News.

«Handystrahlung verursacht Krebs bei Ratten!», ist eine andere oft geteilte Geschichte. Sie beruht auf einer Studie aus dem Jahr 2016, in der bei Ratten, die ständiger Strahlung ausgesetzt waren, eine um 50 Prozent höhere Krebsrate festgestellt wurde. Die lag bei drei Ratten aus einer Stichprobe von neunzig, während zu erwarten wäre, dass aus dieser Gruppe zwei Ratten auf natürliche Weise an Krebs erkranken. Solche Zahlen sind statistisch nicht signifikant, was durch die bizarre Tatsache belegt wird, dass die bestrahlten Ratten im Durchschnitt 8 Prozent länger lebten!

Über die zahlreichen Studien, die keine Auswirkungen von Strahlung feststellten, wird kaum berichtet.

«Handynutzer erkranken mit 40 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit an Hirntumoren!» Diese schwedische Studie verglich nicht etwa eine Stichprobe von Personen, die Mobiltelefone verwendeten, mit solchen, die dies nicht taten. Vielmehr befragte man Menschen mit Hirntumoren zu ihrer Handynutzung, und das kann zu sehr verzerrten Ergebnissen führen.

Wenn die Folgerungen der Studie stimmen würden, hätten Hirntumoren in den vergangenen Jahrzehnten weltweit um 40 Prozent zunehmen müssen. Stattdessen ist die Zahl der Erkrankungen stabil geblieben und in einigen Ländern sogar gesunken. Über die zahlreichen Studien, die keine Auswirkungen von Handystrahlung feststellen konnten, wird übrigens kaum berichtet.

Ich sehe nicht ein, wie solche Strahlung Krebs verursachen könnte.

Nach gründlicher Recherche konnte ich keine Beweise für Probleme im Zusammenhang mit Mobilfunkstrahlung finden. Ich sehe auch nicht ein, wie diese Krebs verursachen könnte. Unsere Smartphones kommunizieren über Fotonen mit Wellenlängen im Millimeter- bis Meterbereich.

Mikrowellenöfen verwenden dieselbe Wellenlänge, da der primäre Effekt solcher Fotonen darin besteht, Moleküle zum Schwingen zu bringen, was zu Wärme führt. Aber in einem Mikrowellenherd ist die Leistung enorm und erreicht eine tödliche Hitze von 1000 Watt. Zum Vergleich: Der Stoffwechsel eines Menschen liegt bei etwa 100 Watt – eine Wärmemenge, die wir sicher abführen können; und die Hintergrundstrahlung von Handys und Antennen liegt weit darunter.

5G macht mir als Wissenschaftler keine Sorgen. Aber brauchen wir es auch wirklich?

Auch das sichtbare Sonnenlicht ist trotz seiner weitaus höheren Energie nicht gefährlich. Erst bei ultraviolettem Licht und Röntgenstrahlen werden die Auswirkungen der Strahlung gefährlich, da diese Fotonen Elektronen aus Atomen herausschlagen, Molekülbindungen aufbrechen und DNA mutieren können, was Krebs verursachen kann.

5G macht mir als Wissenschaftler daher zurzeit keine Sorgen. Aber brauchen wir es auch wirklich? Mit 5G kann man einen Film in Sekunden statt in Minuten herunterladen. Grossartig. Aber ich brauche allein schon eine halbe Stunde, um zu entscheiden, welchen Film ich sehen will, sodass ein paar Minuten mehr keinen Unterschied machen. Und dieses «Internet der Dinge», das durch 5G entscheidend verbessert werden soll, macht mich nervös – ich will gar nicht, dass meine Kaffeemaschine mit dem Internet verbunden ist, und ich will auch keine philosophischen Gespräche mit meinem Toaster führen!

Dennoch wird 5G uns wohl viele Fortschritte bescheren, von denen wir einige heute noch gar nicht abschätzen können. Und in zehn Jahren, wenn 6G auf den Markt kommt, fängt das Theater wieder von vorne an.

Ben Moore ist Professor für Astrophysik an der Universität Zürich.

Erstellt: 15.06.2019, 11:38 Uhr

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