Milliarden für Tropenwälder – und jetzt brennt der Amazonas

In den Schutz von tropischen Regenwäldern fliesst viel Geld. Warum das bisher kaum Wirkung auf den Klimaschutz hat.

Feuer in Pará, einem Bundesstaat im Norden Brasiliens: Das südamerikanische Land registriert in diesem Jahr so viel Waldbrände wie noch nie zuvor. Foto: Victor Moriyama (Keystone)

Feuer in Pará, einem Bundesstaat im Norden Brasiliens: Das südamerikanische Land registriert in diesem Jahr so viel Waldbrände wie noch nie zuvor. Foto: Victor Moriyama (Keystone)

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Brasilien war auf einem guten Weg. Als erstes Land erhielt es Anfang Jahr von der UNO die Zusicherung von gut 97 Millionen Dollar für ein Schutzprojekt des tropischen Regenwalds im Amazonasgebiet. Damit wird der Ausstoss von rund 19 Millionen Tonnen des Treibhausgases CO2 verhindert. Das ist zwar nur etwa ein Sechstel der durchschnittlichen, jährlichen Emissionen durch die Abholzung. Es zeigt aber, wie weit Brasilien technisch fortgeschritten ist, um überhaupt von Unterstützungsgeldern profitieren zu können. Denn Geld erhält nur, wer auch imstande ist, die Wirkung der Massnahmen zu dokumentieren.

Das Geld stammt aus dem Grünen Klimafonds der UNO-Klimarahmenkonvention, für den die Industrieländer ab 2020 Hunderte Milliarden Dollar generieren müssen. Der Fonds dient dazu, in Entwicklungs- und wirtschaftlich aufstrebenden Staaten Massnahmen für den Klimaschutz zu finanzieren. Dazu gehört auch der Schutz der Tropenwälder.

Die Zerstörung des Regenwalds durch Agrarunternehmen und Bauern nimmt in Brasilien wieder zu.

Dafür haben die Vertragsstaaten der Klimakonvention vor gut zehn Jahren ein Instrument geschaffen, von dem sie sich viel erhoffen: Es nennt sich REDD+ (Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation) und soll unter anderem die Erhaltung des Waldes fördern und eine Schwächung der Waldgebiete zum Beispiel durch die Landwirtschaft verhindern. Die Verhinderung einer Abholzung, Aufforstung und Wiederbewaldung stehen dabei im Zentrum.

Eigenes Satellitensystem

Brasilien profitiert als erstes Land davon, weil es seit mehr als zehn Jahren unter anderem über ein hervorragendes Monitoringsystem verfügt. Das Land hat ein eigenes Satellitensystem im Einsatz, das hochauflösende Bilder bereitstellt, um illegale Rodungen besser und schneller zu erkennen. Unterstützt werden die Messungen aus dem All durch Drohnen, die den Amazonas noch gezielter nach unerlaubten Abholzungen absuchen.

Die Wirkung blieb nicht aus. Brasilien konnte die Zerstörung des Regenwalds bis 2015 massiv reduzieren. Doch in den letzten Jahren gab es einen Rückfall, wie die neusten Daten der US-University of Maryland zeigen. Die Zerstörung des Regenwalds durch Agrarunternehmen und Bauern nimmt wieder zu – und der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro lässt das zu. Die Umweltpolitik ist insofern fragwürdig, weil Brasilien im Rahmen des Pariser Klimabkommens knapp 90 Prozent der Klimaverpflichtungen im eigenen Land durch Waldschutz erreichen will. Dafür werde das Land von Norwegen und Deutschland finanziell unterstützt.

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REDD+ ist mehr als nur eines dieser vielen UNO-Programme, die im Rahmen internationaler Vereinbarungen jeweils entstehen. Es ist explizit in Artikel 5 des Pariser Klimaabkommens aufgenommen worden. Rund 60 Entwicklungsländer profitieren bis heute davon: Es werden Gelder für die Ausbildung zur Verfügung gestellt, für nationale Wald- und Kohlenstoffinventuren, für das Waldmonitoring. Die Regierungen werden finanziell unterstützt, um politische und gesetzliche Rahmenbedingungen für entsprechende Schutzmassnahmen im Sinne des UNO-Programms umsetzen zu können.

Nach zehn Jahren seien aber erst etwa zehn Tropenländer so weit, um wie Brasilien Transferzahlungen für die Reduktion von Emissionen oder die Förderung von Waldsenken zu erhalten, heisst es in einem kürzlich erschienenen Aufsatz von Jürgen ­Blaser und Oliver Gardi in der «Schweizerischen Zeitung für Forstwesen». Die beiden Wissenschaftler der Hochschule für ­Agrar-, Forst und Lebensmittelwissenschaften in Bern beschäftigen sich mit der internationalen Waldpolitik.

Milliarden für Vorbereitung

Das liegt auch daran, dass neben dem Monitoring auch völkerrechtliche und ökologische Auflagen erfüllt werden müssen. «In den Projekten müssen Bestimmungen enthalten sein, welche die Rechte der indigenen ­Bevölkerung und den Erhalt der Biodiversität sicherstellen. Keine Naturwälder dürfen in Plantagen umgewandelt werden», sagt Christoph Dürr von der ­Abteilung Wald des Bundesamts für Umwelt (Bafu).

Die Industrieländer haben allein für die Vorbereitungen zur Umsetzung von REDD+-Projekten seit 2010 gemäss Bafu rund 16 Milliarden Dollar investiert, die Schweiz beteiligte sich bisher mit 20 Millionen Franken. Ab 2020 sollen 10 bis 12 Milliarden Dollar jährlich in die Waldbewirtschaftung der Entwicklungsländer fliessen.

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Obwohl bereits Ende der 1970er-Jahre Wissenschaftler erkannten, dass die Wälder eine bedeutende Rolle spielen für den Klimaschutz, weil sie CO2 aus der Atmosphäre speichern, gibt es bis heute keine wirksamen Druckmittel, um die Zerstörung spürbar zu verhindern. Auch die zahlreichen zwischenstaatlichen Vereinbarungen und Engagements der Privatwirtschaft richteten bisher nichts aus.

Im Gegenteil. Vor fünfzehn Jahren wurden gut 70 Prozent des tropischen Urwaldes in Brasilien und Indonesien gerodet. Heute sind es nur noch 45 Prozent. Dafür steigt die Zerstörungsrate in Afrika, in Staaten wie Ghana, ­Elfenbeinküste, Angola oder Kongo, die selten im Fokus der Öffentlichkeit sind.

In den nächsten Jahren liegt die Hoffnung auf dem UNO-Programm REDD+. Jürgen Blaser und Oliver Gardi von der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften sind sich nicht sicher, ob das Programm der richtige Weg ist für den Klimaschutz. Ein Grund: Die Wälder werden durch die Erderwärmung in vielen Regionen geschwächt und verlieren dadurch ihre Leistung, CO2 zu ­speichern. Das heisst: Die Waldwirtschaft muss an den Klimawandel angepasst werden. Dies ist jedoch nicht im Fokus des UNO-Waldschutzprogramms.

Erstellt: 27.08.2019, 15:28 Uhr

Grosser Verlust der alten Bäume

12 Millionen Hektaren tropischer Regenwald sind im letzten Jahr verloren gegangen – vor allem durch menschliche Zerstörung. Davon sind rund 3,6 Millionen Hektaren Primärwald, also unberührter Urwald, zerstört worden – eine Fläche so gross wie Belgien. Das zeigen Satellitendaten von der University of Maryland, welche die Onlineplattform Global Forest Watch aufgearbeitet hat. In den Primärwäldern der Tropen werden Bäume Hunderte Jahre alt. Die Artenvielfalt in diesen Urwäldern ist besonders gross, und die Aufnahme von CO2 ist gemäss einer Studie in der Fachzeitschrift «Global Change Biology» unübertroffen. Ein Sekundärwald, der nachgewachsen ist, erreiche zwar auch eine hohe Aufnahmerate, aber selbst nach 40 Jahren nicht das Niveau der alten Bäume. Die Autoren der Studie empfehlen deshalb, für den Klimaschutz zum Beispiel im Amazonas in erster Linie den Primärwald zu schützen. Die Untersuchung zeigt aber auch, dass die Aufforstung eine grosse Wirkung haben kann. (lae)

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