Schweizer Männer haben schlechte Spermien

Bei zwei Dritteln der jungen Männer ist die Spermienqualität in einem «kritischen Zustand». Forschende sind beunruhigt.

Beim Medizintest: Ein Stellungspflichtiger bei der Aushebung in einem Rekrutierungszentrum. Foto: Raphael Moser (BZ)

Beim Medizintest: Ein Stellungspflichtiger bei der Aushebung in einem Rekrutierungszentrum. Foto: Raphael Moser (BZ)

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Erste Resultate aus dem Jahr 2008 waren bereits beunruhigend. Jetzt ist die Studie zur Spermienqualität in der Schweiz abgeschlossen und es sieht noch schlechter aus: Fast zwei Drittel (62 Prozent) der 18- bis 22-jährigen Männer genügen den Normwerten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für fruchtbare Männer nicht. Vor elf Jahren waren es noch 55 Prozent.

Die Schweiz gehört damit im europäischen Vergleich zu den Schlusslichtern, zusammen mit Ländern wie Dänemark, Norwegen und Deutschland. Überdurchschnittlich gute Spermienwerte haben hingegen Finnland, die baltischen Staaten und Spanien. Ebenfalls schlecht steht es hierzulande beim Hodenkrebs. Dessen Häufigkeit hat in den letzten 35 Jahren zugenommen und ist laut den Forschern im Europavergleich «sehr hoch». Für sie ist ein Zusammenhang mit der sinkenden Fruchtbarkeit naheliegend.

«Die Spermienqualität der jungen Männer in der Schweiz ist in einem kritischen Zustand», sagt Alfred Senn, Reproduktionsbiologe und Mitautor, in einer Mitteilung. «Ihre künftige Zeugungsfähigkeit wird höchstwahrscheinlich beeinträchtigt sein.» Die besorgniserregende Studie von Forschern um Serge Nef und Rita Rabhan von der Universität Genf ist die grösste ihrer Art in der Schweiz underscheint heute im Fachblatt «Andrology».

Rückgang der Spermienzahl seit den 1970-Jahren

Auch wenn der Fruchtbarkeitsverlust der Männer in den letzten Jahren aus dem Fokus der Öffentlichkeit geraten ist: Er schreitet weiter voran. Anfang der 1990er-Jahre stellte erstmals eine Studie einen Rückgang der Spermienkonzentration über die vergangenen fünfzig Jahre fest. Seither folgten zahlreiche weitere Untersuchungen. 2017 bestätigte zuletzt eine Übersichtsarbeit eines internationalen Forscherteams im Fachblatt «Human Reproduction Update» den Befund: Zwischen 1973 und 2011 sank demnach die Spermienkonzentration in Industrieländern um 50 bis 60 Prozent.

In der Schweiz dürfte die neue Studie den beiden Volksinitiativen für sauberes Trinkwasser und gegen Pestizide Auftrieb verleihen. Beide werden gegenwärtig im Parlament diskutiert und voraussichtlich 2020 zur Abstimmung kommen. Pflanzenschutzmittel, aber auch weitere hormonaktive Substanzen etwa in Kosmetika und Kunststoffen gelten als mögliche Gründe für die Fruchtbarkeitskrise der Männer. Weitere Kandidaten, bei denen Studien Effekte nahelegen, sind Tabak- und Cannabiskonsum, Mobiltelefone in der Hosentasche, Medikamente wie Schmerzmittel, Übergewicht und Hormone für den Muskelaufbau.

Die aktuelle Studie kann bei den Ursachen wenig Klärung bringen. Einen Faktor bringen die Forscher allerdings in Zusammenhang mit einer verminderten Spermienqualität: Nikotinkonsum der Mutter während der Schwangerschaft. «Es gibt sicherlich viele andere Produkte, denen wir täglich ausgesetzt sind, die ähnliche Auswirkungen haben», glaubt Senn. Einflüsse, die auf den Fötus wirken, stehen dabei im Vordergrund: Die Spermienmenge, die ein Hoden produzieren kann, hängt von der Anzahl der darin enthaltenen Sertoli-Zellen ab. «Diese werden im Fötus gebildet, und ihre Anzahl ändert sich nach der Geburt nicht», erklärt Senn.

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Die Genfer Studie untersucht 2523 junge Männer im Alter zwischen 18 und 22 Jahren über einen Zeitraum von 13 Jahren. Sie wurden im Rahmen ihrer Militäraushebung für eine Spermienanalyse angefragt. Zusätzlich sollten sie und ihre Eltern einen Fragebogen zu ihren Gewohnheiten und möglichen Einflüssen während der Schwangerschaft ausfüllen.

Die Teilnehmer waren jeweils in der Schweiz geboren und stammten aus allen Kantonen, entsprechend dem Anteil derBevölkerung. Laut Forscher ist die Stichprobe repräsentativ für 97 Prozent der entsprechenden männlichen Bevölkerung in der Altersgruppe.

Nur gerade 38 Prozent der Spermienproben liegen über den Normwerten, die die WHO 2010 veröffentlicht hat. Männer mit tieferen Werten gelten als vermindert fruchtbar und können Probleme haben, ein Kind zu zeugen. 17 Prozent der Ejakulate in der Studie hatten eine zu tiefe Spermienkonzentration (unter 15 Millionen Spermien pro Milliliter), 25 Prozent ungenügende Mobilität (mindestens 40 Prozent der Spermien sollten normal beweglich sein), und 43 Prozent hatten zu wenig normal aussehende Spermien (mindestens vier Prozent). Fünf Prozent der Probanden hatten sogar bei allen drei Kriterien Defizite.

Keine Unterschiede zwischen den Sprachregionen

Auffällig sind die Unterschiede zur Veröffentlichung von 2008, die mit einer ersten Tranche aus rund 800 Stellungspflichtigen durchgeführt wurde. Reproduktionsbiologe Alfred Senn geht allerdings nicht davon aus, dass sich trotz der langen Studiendauer die Fruchtbarkeit verändert hat. Die Unterschiede seien auf die Datenerhebung zurückzuführen. Vor elf Jahren waren vor allem Analysen aus der Westschweiz vorhanden. Die Deutschschweiz und das Tessin kamen erst später hinzu.

Die unterschiedliche Datengrundlage dürfte auch der Hintergrund für die zweite auffällige Abweichung sein: Die Forscher können diesmal anders als vor elf Jahren keine statistisch nachweisbaren Unterschiede zwischen Land und Stadt sowie den Sprachregionen ausmachen. Übrigens im Gegensatz zu ausländischen Studien, in denen sich verschiedentlich gezeigt hat, dass in ländlichen Gegenden die Fruchtbarkeit der Männer stärker beeinträchtigt ist.

«Die langfristigen Folgen der Situation, wie wir sie in der Schweiz erleben, sind nicht vorhersehbar», betont Senn. Und er fordert: «Die Grundlagenforschung zu hormonaktiven Stoffen muss um jeden Preis gefördert werden.» Nur so sei es möglich, abzuschätzen, ob aktuelle Regulierungen etwa von Chemikalien ausreichen oder strengere Massnahmen nötig wären. Die Genfer Forscher selber werden ihre Studie jedenfalls weiterführen. In einer zweiten Phase versuchen sie derzeit die Teilnehmer nach etwa zehn Jahren erneut zu kontaktieren.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 22.05.2019, 06:13 Uhr

Zu wenig Geld und mangelnde Spendefreude

13 Jahre dauerte die Schweizer Spermienstudie, viel länger als ursprünglich geplant. Doch das Geld fehlte. Für drei Jahre musste das Vorhaben sogar komplett unterbrochen werden. «Wir haben mehrfach erfolglos versucht, Stiftungen, öffentliche Stellen und Private zu erreichen», sagt Mitautor Alfred Senn. Erst als sich später die Universität Genf für das Vorhaben interessierte, konnte die Studie schliesslich zu Ende geführt werden. Die finanziellen Mittel reichten allerdings nicht, um an mehr als zwei Orten parallel Spermienanalysen durchzuführen, was die Datenerhebung zusätzlich verlangsamte.

Ein Bremsklotz war auch die Zurückhaltung der Stellungspflichtigen: Nur rund jeder Zwanzigste machte mit. In skandinavischen Ländern liegen die Werte jeweils drei- bis viermal höher. Dabei zeigten sich bei der Schweizer Studie kantonale Unterschiede. «Der Jura war top, Genf am schlechtesten», sagt Eric Stettler, Arzt der Schweizer Armee und Mitautor. «Fragen Sie mich nicht, warum.» In den Städten sei es ebenfalls schwierig gewesen, Leute zu mobilisieren.

Manche liessen sich durch das Sackmesser und den Musikgutschein als Entschädigung motivieren. «Ein Teilnehmer versuchte, deswegen gleich zweimal zu spenden», erzählt Stettler. Die Hauptmotivatoren seien jedoch andere gewesen: Unterstützung des Forschungsvorhabens und die eigene Gesundheit.

Die Studie sei repräsentativ, betont Stettler. Das bestätige der Vergleich mit den Männern, die nur den Fragebogen ausgefüllt hätten. Wegen der standardisierten Methoden sei zudem die Vergleichbarkeit mit dem Ausland gewährleistet. (fes)

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