«Die Ansteckungsrate ist mit der Spanischen Grippe vergleichbar»

Der Schweizer Forscher Christian Althaus hat berechnet, wie weit sich das Coronavirus ausbreiten kann und wie gefährlich es wird.

Die WHO hat eine internationale Notlage ausgerufen: Alles zum Ausbruch des Coronavirus. (Video: Tamedia)

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Wird sich das Virus weiter stark verbreiten, auch in Europa?
Das Virus hat auf jeden Fall das Potenzial, eine Pandemie auszulösen. Das zeigen unsere Berechnungen. Was die Ansteckungsrate angeht, ist es laut unserer Analyse mit Sars oder der Spanischen Grippe von 1918 vergleichbar.

Wie berechnen Sie das?
Entscheidend ist, wie viele ­weitere Menschen ein einzelner ­Erkrankter anstecken kann, das lässt sich aus den Daten berechnen. Dieser Wert ist nicht bei jedem Virus gleich. Eine Person, die sich mit dem neuen Coronavirus infiziert, steckt durchschnittlich 1,5 bis 3,8 ­weitere Menschen an. Da dieser Wert deutlich grösser als 1 ist, besteht das Risiko für eine Pandemie.

Epidemiologe Christian Althaus. Foto: PD

Beunruhigend also?
In China ist die Lage im Moment sehr beunruhigend. In Europa und der Schweiz muss man sich aber vorerst nicht sorgen. Solange es nicht zu hohen Fallzahlen kommt, sollte sich das Virus hier nicht festsetzen können. China hat mittlerweile sehr starke Kontrollmassnahmen ergriffen. Trotzdem glaube ich, dass wir weitere Fälle in ­neuen Ländern sehen werden. Nach Frankreich kann es natürlich auch die Schweiz treffen.

«Der Bund hat einen Pandemieplan, die Schweiz ist mit ihrem Gesundheitssystem und den diagnostischen Möglichkeiten ausreichend vorbereitet.»

Erkranken die Menschen gleich schwer wie bei Sars?
Die momentanen Zahlen zeigen eine Todesrate von 3 Prozent, doch dieser Wert ist noch sehr unsicher. Das neue Virus scheint die Menschen nicht ganz so krank zu machen wie das Sars-Virus, die Krankheit ist aber deutlich schwerer als eine saisonale Grippe.

Es gibt Menschen, die sich anstecken und nicht erkranken. Fördert das die Pandemie?
Wir wissen noch nicht genau, ob Menschen, die sich mit dem ­neuen Coronavirus infizieren, aber nicht erkranken, ein grosses Ansteckungsrisiko sind. Ausschliessen kann man es nicht. Aber wer nicht erkrankt, der hustet auch weniger. Und Husten ist ein möglicher Übertragungsweg.

Sind die jetzt getroffenen Massnahmen zur Eindämmung ausreichend?
Das ist schwer zu sagen, da Atemwegserkrankungen meist schwierig einzudämmen sind. Wir ­haben vom Sars-Ausbruch im Jahr 2003 gelernt. Wichtig ist jetzt, zu ­verhindern, dass sich neue Übertragungsketten in Ländern ausserhalb Chinas bilden.

Viele fürchten, dass das Virus noch gefährlicher werden könnte. Ist das wahrscheinlich?
Viren verändern sich durch zufällige Fehler im Erbgut, wenn sie sich vermehren. Das ist normal. Die meisten dieser Mutationen verändern die Eigenschaften des Virus aber nicht. Das Risiko, dass das ­Virus jetzt noch gefährlicher wird, halte ich für sehr klein. Für das ­Virus gibt es keinen evolutionären Vorteil, wenn es seinen Wirt tötet. Denn es braucht ihn, um sich selbst weiterzuverbreiten.

Ist die Schweiz gut vorbereitet?
Das neue Epidemiegesetz bietet eine gute Grundlage. Der Bund hat einen Pandemieplan, die Schweiz ist mit ihrem Gesundheitssystem und den diagnostischen Möglichkeiten ausreichend vorbereitet.

Christian Althaus ist Epidemiologe an der Universität Bern und erforscht die Ausbreitung von Infektionskrankheiten. Er hat zu Ebola und Mers schon wegweisende Studien verfasst. Am Freitag ­publizierten Althaus und sein Mitarbeiter Julien Riou eine aktuelle Arbeit zum neuen Coronavirus.



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Erstellt: 25.01.2020, 22:11 Uhr

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