Im Märchenwald

Der Förster und Buchautor Peter Wohlleben fasziniert viele Menschen. Doch Biologen sind über seine Thesen entsetzt.

Peter Wohlleben in seiner liebsten Umgebung: dem Wald. Foto: PD

Peter Wohlleben in seiner liebsten Umgebung: dem Wald. Foto: PD

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Der Förster Peter Wohlleben ist einer der erfolgreichsten Sachbuchautoren der vergangenen Jahre im deutschsprachigen Raum. Sein 2015 erschienenes Buch «Das geheime Leben der Bäume» ­verkaufte sich millionenfach und wurde in Dutzende Sprachen übersetzt. Derzeit wird der gleichnamige Film in den Kinos gespielt. Und Christian Ammers erster ­Gedanke dazu lautet: «Oh, nein, jetzt geht es wieder von vorne los.»

Ammer ist Professor für Waldbau und Waldökologie der gemässigten Zonen an der Uni Göttingen, und ihn, wie viele andere Forstwissenschaftler, stört, dass Wohlleben in seinem Werk die Grenze zwischen wissenschaftlich belegbaren Fakten und wilden Spekulationen aufhebt, ohne dass dies Leser – und nun auch Zuschauer – mitbekommen würden. Auch ­Ulrich Schraml, Professor für Forst- und Umweltpolitik an der Uni Freiburg, schrieb in einer Auseinandersetzung, Wohlleben ­gleite von der Metapher ins Metaphysische.

Wohlleben aber macht weiter, was er seit Jahren macht. Für ihn ist Wald nur als unangetasteter ­Urwald ökologisch wertvoll, Holz zwar ein wichtiger Baustoff, doch wie er in relevanten Mengen zu ­beschaffen ist, ­verschweigt er ­beharrlich. Schon damit wird er zur Heilsfigur für alle, für die ­Umweltschutz ­bedeutet, dass sich der Mensch gefälligst rauszuhalten habe.

Wohlleben verurteilt die Forstwirtschaft praktisch rundweg, ­plädiert für eine «artgerechte Baumhaltung» und zieht Vergleiche zwischen Waldbau und Massentierhaltung. Das kommt gut an bei seinem Publikum, aber man versteht auch, warum ihn viele ­andere Förster nicht gut leiden können. Früher, vor seiner Läuterung, sei er ja auch so gewesen, ­erzählt er, da habe er vom Leben der Bäume so viel verstanden wie der Metzger vom Leben der Tiere.

Was Forscher wie Christian ­Ammer neben Wohllebens undifferenzierter Kritik am deutschen Waldbau besonders aufstösst, ist dessen Umgang mit wissenschaftlichen Fakten. Am Anfang des ­Buches «Das geheime Leben der Bäume» begegnet Wohlleben zum Beispiel einem Baumstumpf, der von den umliegenden Buchen mit Nährstoffen versorgt wird und ­deshalb frisches Holz hat, statt zu verfaulen. Diese Begegnung findet sich auch im Film, Wohlleben beschreibt sie wie einen Schlüsselmoment in seinem Leben, in dem er erkennt, was für fabelhaft ­soziale Wesen diese Buchen seien: Sie ­füttern da einen verstümmelten Verwandten mit durch – oder?

«Kampf ums Überleben, kein Sozialstaat»

Ammer beschäftigt sich in seiner Forschungsarbeit mit Konkurrenz zwischen Pflanzen, und so etwas zu lesen, hat ihn ziemlich überrascht. «Konkurrenz ist das bestimmende Prinzip zwischen Buchen», fasst er den Stand der Forschung zusammen. Sie ringen um dieselben Ressourcen, Licht und Wasser. Nur wenige werden alt. «Von den vielen Tausend Buchensamen, die ein Baum in einem Mastjahr ­abwirft, bleiben nach hundert Jahren vielleicht ein Dutzend Bäume übrig», so Ammer. «Das ist ein Kampf ums Überleben, kein Sozialstaat, der die Schwachen schützt.» Der lebende Baumstumpf wäre demnach eher ein Parasit oder Schmarotzer als ein Beispiel für ­soziales Verhalten der Flora.

Von wissenschaftlich bestätigten Fakten lässt sich Wohlleben ­allerdings nicht in seinen Ansichten über die Natur stören. Im Gegenteil: Er verziert seine Ausführungen gerne mit Fussnoten, die auf Studien verweisen, und gibt dem Ganzen so den Anstrich einer wissenschaftlichen Arbeit. «Er greift Einzelaspekte aus Studien heraus und zieht daraus Schlüsse, zu denen sich die beteiligten Forscher selbst wahrscheinlich niemals versteigen würden», sagt Torben Halbe. Auch er hat ein Buch über Wälder geschrieben. Titel: «Das wahre Leben der Bäume». Darin geht er Wohllebens Werk Seite für Seite durch und vergleicht die ­Behauptungen des Försters mit dem, was tatsächlich Stand der ­Forschung ist.

Wunderbare Wesen: Glaubt man Peter Wohlleben, ist ein Baum dem Menschen ähnlicher als erwartet. Foto: Praesens Film

Zum Beispiel: Wohlleben liest in einer Studie, dass es elektrisch aktive Zellen in Pflanzen gibt, und schreibt, «ob Buchen, Fichten oder Eichen, sie alle merken schmerzhaft, sobald jemand an ihnen ­herumknabbert». Tatsächlich ­reagieren Bäume auf Fressattacken, indem sie Abwehrstoffe produzieren, die ihren Fressfeinden nicht bekommen. Sie reagieren auch auf Schallwellen, ohne deshalb ­«hören» zu können, denn dazu bräuchten sie ein komplexes Nervensystem. Nüchtern betrachtet, werde durch einen Reiz ein genetisches Programm aktiviert, das biochemische Vorgänge reguliert, erklärt der Biologe Halbe, «das können auch Einzeller». Doch bei Wohlleben klinge es immer so, als würde der Baum bewusste Entscheidungen treffen oder einen eigenen Charakter haben.

Halbe arbeitet für den Deutschen Forstwirtschaftsrat, und da drängt sich der Verdacht auf, dass er schon von Berufs wegen gegen den Eindruck antreten muss, dass Bäume denken und fühlen ­könnten. Doch zu seinem Buch habe ihn die Lektüre von Wohllebens Werk inspiriert. Damals ­studierte er noch Biologie mit dem Schwerpunkt Neurowissenschaften, «und ich war von einigen Aussagen Wohllebens überrascht». Also schaute er sich die zitierten Studien genauer an und kam zu dem Ergebnis, dass Wohlleben nur das aus der Wissenschaft in seine Bücher lässt, was in sein Weltbild passt. Cherry Picking nennen ­Forscher ein solches Vorgehen.

So beschreibt Wohlleben auch «gehirnähnliche Strukturen» an den Wurzelspitzen, die eine Forschergruppe gefunden habe. ­Damit würden die Wurzeln durch den ­Boden navigieren und «die Lage ­analysieren». Andere Forscher konnten diese Hirnstrukturen jedoch nicht entdecken und ­vermuten, dass es sich um einen Messfehler handelt. In einem ­grossen Übersichtsartikel, der sich ­kritisch mit dem esoterischen Forschungsgebiet der «Pflanzenneurobiologie» auseinandersetzt, brachten acht Pflanzenphysiologen den aktuellen Wissensstand im ­vergangenen Sommer so auf den Punkt: «Weder besitzen noch brauchen Pflanzen ein Bewusstsein.»

Der Waldbau als Schutz gegen die Klimakrise

Doch Peter Wohlleben sagt, «man muss seine Fantasie benutzen, um eine leise Ahnung zu bekommen, was in einem Baum vorgeht». Das ist genau das Problem, das viele Biologen mit ihm haben, die nicht ihre Fantasie strapazieren, sondern verstehen wollen, was in der ­Natur genau passiert. Sie versuchen es mit wissenschaftlichen Methoden zu ergründen anstatt per romantischem Wunschdenken.

Doch Wohllebens Methode kommt gut an beim Publikum, und auch die Politik lädt ihn inzwischen als Impulsgeber ein. Das hält Torben Halbe für gefährlich. «Derart unterhalten, will sich niemand mehr mit den komplexen Zusammenhängen in der Forstwirtschaft auseinandersetzen, damit, was sie ökologisch und gesellschaftlich bedeutet und was die Alternativen sind», sagt der Biologe.

Als besorgniserregend empfindet Christian Ammer, dass Wohllebens Aussagen Botschaften ­aussenden, die politisch relevant werden könnten. «Wer Herrn Wohlleben in Talkshows zuhört, muss zu dem Schluss kommen, dass die Nutzung von Wäldern per se etwas Schlechtes ist, insbesondere mit Blick auf den Klimaschutz.» Tatsächlich sei jedoch das Gegenteil der Fall, Waldbau sei ein wichtiges Werkzeug im Kampf gegen die Klimakrise.

Vielleicht liegt es in der Natur des Menschen, dass er lieber ­schönen Geschichten glaubt, die in ­seine Weltsicht passen, als sich von Fakten aus gut eingelaufenen ­Gedankenpfaden stossen zu ­lassen. Ammer erkennt darin ein grosses gesellschaftliches Problem. «Mich macht es traurig zu sehen, wie einfach es ist, allein durch ­emotionale Darbietung Dinge als Fakten ­erscheinen zu lassen, die keine sind», beschreibt Ammer sein ­Unbehagen. «Das sehen wir inzwischen auch in vielen anderen ­Bereichen und in der Politik.»

Ammer sieht allerdings auch selbst, dass er und seine Kollegen es bislang versäumt haben, den Wunsch nach Wissen aus dem Wald in der Bevölkerung zu ­stillen. «Dann kam Wohlleben, und wir jammern, dass es schiefgegangen ist.» Doch Wohllebens Werk habe auch etwas Gutes, sagt Ammer: Es wecke bei vielen Menschen Interesse an der Natur. Gibt es etwas, das ihn mit Peter Wohlleben verbindet? «Auch ich bin der Ansicht, dass Bäume etwas Grossartiges sind.»



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Erstellt: 25.01.2020, 17:17 Uhr

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Waldflüsterer und Autor

Peter Wohlleben, 1964 geboren in Bonn, war mehr als 20 Jahre lang Beamter in der Forstverwaltung. Seit 2007 schreibt er auch Bücher zu den Themen Wald und Natur, mittlerweile sind es 17 Werke. Zudem hat er eine Waldakademie gegründet. Den grössten Erfolg feierte Wohlleben mit dem Weltbestseller «Das geheime Leben der Bäume» (2015), das alleine auf Deutsch rund 1,3 Millionen-mal verkauft wurde. Dieses Buch wurde nun verfilmt (Regie: Jörg Adolph und Jan Haft). Seit Donnerstag ist der Film in diversen Schweizer Kinos zu sehen. (nw)

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