Kopftransplantation und weitere verrückte Medizinideen

Selbst ernannte Visionäre brüsten sich mit absurden Vorhaben. Aber aufgepasst: Für manche Ideen wird die Zeit tatsächlich reifer.

Thomas Beatie ist der erste Mann, der ein Kind gebar. Allerdings war er früher eine Frau und behielt Eierstöcke und Gebärmutter, (Bildmontage). Bild: Getty Images/Kristian Dowling

Thomas Beatie ist der erste Mann, der ein Kind gebar. Allerdings war er früher eine Frau und behielt Eierstöcke und Gebärmutter, (Bildmontage). Bild: Getty Images/Kristian Dowling

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Grosses leisten, Pionier sein – für einige Wissenschaftler die Antriebsfeder schlechthin. Doch manchmal ist die Grenze zwischen revolutionären Visionen und absurden Vorhaben fliessend. Regelmässig tauchen Ideen auf, die einen ungläubig den Kopf schütteln lassen. Das Besondere an ihnen ist, dass sie oft nicht völlig unrealistisch sind – und dass sie an Tabus rütteln. Zuletzt sorgte der Plan einer Kopftransplantation für wohliges Schaudern. Wir werfen einen Blick auf sechs der verrücktesten Ideen der aktuellen Medizin.

1. Kopftransplantation
Einem Körper ein neues Haupt aufsetzen

Sergio Canavero steht gerne im Rampenlicht. Seit einigen Jahren kündigt der italienische Neurochirurg immer wieder an, er wolle demnächst einem Menschen den Kopf transplantieren. So soll beispielsweise ein komplett Gelähmter zu einem neuen Körper kommen. Zuerst wollte Canavero einen Russen, der an Muskelschwund leidet, zu seinem ersten Patienten machen. Dann zog der Italiener mit seinem Vorhaben nach China um. Canaveros Berufskollegen sind allerdings äusserst skeptisch, dass das Vorhaben in naher Zukunft gelingen könnte. Bisher ist es nicht möglich, durchtrenntes Rückenmark wieder zusammenwachsen zu lassen. Würde der Patient den sehr riskanten Eingriff überleben, wäre er nach wie vor gelähmt. Canavero behauptet, bereits erfolgreiche Versuche an Tieren und Verstorbenen durchgeführt zu haben, und wollte den Eingriff im nächsten Frühjahr durchführen. Die Chinesen haben das Vorhaben nun allerdings verboten. (abr)

2. Schwangere Männer
Dank Uterus-Transplantation wird Papi auch zu Mami

Es gibt sie bereits, die Männer, die Kinder gebären. Bekannt ist der US-Amerikaner Thomas Beatie, der im Jahr 2008 als erster Mann ein Kind zur Welt brachte. Doch Beatie war ursprünglich eine Frau und behielt Eierstöcke und Gebärmutter, als er sein Geschlecht umwandeln liess. Männern im landläufigen Sinn – also ohne weibliche Geschlechtsorgane – bleibt es hingegen bis auf weiteres verwehrt, schwanger zu sein. Doch spätestens seit 2014 das erste Kind nach einer Gebärmuttertransplantation zur Welt gekommen ist, diskutieren Ethiker und Mediziner über die Möglichkeit, auch Männern einen Uterus einzupflanzen. Profitieren könnten homosexuelle Männerpaare, aber auch Hetero-Paare, bei denen der Frau eine Schwangerschaft verwehrt ist. Allerdings fehlt Männern nicht nur die Gebärmutter für eine Schwangerschaft. Blutversorgung, Bänder, Vagina und Hormone – all das muss hinzugefügt werden. Ob das je gelingen wird, steht in den Sternen. (fes)

3. Klonbaby
Menschenkopien werden realistischer

Sie müssten heute alle im Teenageralter sein: das Klonbaby der Raël-Sekte mit dem Namen Eve und die namenlosen Klonkinder des Möchtegernschöpfers Severino Antinori. Der italienische Gynäkologe hat später die Existenz seiner vermeintlichen Babys als Missverständnis bezeichnet. Bei Eve und weiteren ­Raël-Klonkindern gibt es keine Dementis. Trotzdem ist es praktisch ausgeschlossen, dass sie existieren. Nachdem 1997 das Klonschaf Dolly im zarten Alter von fast einem Jahr das Licht der Öffentlichkeit erblickte, übte die theoretische Möglichkeit von Menschenklonen einen unwiderstehlichen Sog auf Hochstapler aus. Darunter auch der Südkoreaner Hwang Woo-suk, der allerdings bald als Wissenschaftsbetrüger enttarnt wurde. Es sollte noch über fünfzehn Jahre dauern, bis die Klontechnik bei menschlichen Zellen gelang. Bei der Veröffentlichung 2013 erhitzten sich allerdings keine Gemüter mehr. Die Forscher möchten auch keine Kopien von lebenden Menschen herstellen, sondern Paaren mit Erbkrankheiten helfen. Trotzdem: Die verrückte Idee vom Menschenklonen ist heute realistisch. (fes)

4. Digitalisiertes Bewusstsein
Das Gehirn in der Cloud

Wer Sim hört, der denkt heute an die Karte im Smartphone oder an ein Computerspiel. Doch beim Neurowissenschaftler Randal Koene steht diese Abkürzung für etwas anderes: «Substrate Independent Mind», also ein Bewusstsein, das nicht an einen Körper gebunden ist. Koene möchte sein Bewusstsein in die digitale Sphäre überführen. Dann könnten sein Denken, seine Erinnerungen und Gefühle einst, selbst wenn sein Körper stirbt, unendlich?im Computer weiterleben, und schon vorher wäre es möglich, ein Back-up zu erstellen – eine paradiesische Vorstellung für alle Vergesslichen. Koenes Inspiration stammt – es erstaunt wenig – aus der Sciencefictionliteratur, in der diese Idee schon seit den Fünfzigerjahren herumgeistert. Wie es genau gelingen soll, die 80 Milliarden Nervenzellen des Gehirns und ihre Kommunikation in die digitale Welt zu übertragen, darüber sind sich Koene und seine Kollegen noch nicht einig. Das Hirn zu scannen, ist ein Vorschlag, der technisch aber noch in weiter Ferne liegt. Die digitale Hirnkopie könnte man dereinst einem Roboter einpflanzen. Weil Neurowissenschaftler heute noch nicht einmal alle Rätsel zur Funktion des Gehirns gelöst haben, scheint das Scannen unrealistisch. (abr)

5. Kryokonservierung
Dornröschenschlaf in eisiger Kälte

Weltweit gibt es drei grosse Institute, die eine Lagerung toter Körper anbieten — das Cryonics Institute und die Alcor Life Extension Foundation in den USA sowie Kriorus in Russland. Mehr als 350 Kryonauten lagern dort bei eisiger Kälte in Tanks, in denen bis sechs Tote Platz haben. Die unrealistische Hoffnung dahinter: Die Wissenschaft könnte dereinst in der Lage sein, die gefrorenen Leichen wieder zum Leben zu erwecken. Die Vorbereitung für die Kryokonservierung ist aufwendig: Der Verstorbene sollte möglichst drei bis vier Minuten nach dem Herzstillstand an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen werden. Ein Eisbad kühlt den Körper auf 4 Grad Celsius herunter. Danach ersetzen Gefrierschutzmittel das Blut, um die Schädigung der Zellen durch Eiskristallbildung zu verhindern. Am Schluss wird der Leichnam mit flüssigem Stickstoff auf minus 196 Grad Celsius heruntergekühlt. Bisher erinnert der Kälteschlaf eher an ein Märchen – ohne Prinzen, der wachküsst. Technisch ist es heute nicht einmal möglich, ein Organ ohne Folgeschäden ­aufzutauen. (bry)

6. Unsterblichkeit
Das Altern als heilbare Krankheit

Seit über 20 Jahren predigt der zum Biologen konvertierte Informatiker Aubrey de Grey den Traum vom endlosen, gesunden Leben. Der Mensch, der 1000 Jahre alt werde, sei schon geboren, posaunte der Brite, dessen Bart bis zum Bauchnabel reicht, im Jahr 2005. Der Bart ist inzwischen grauer geworden, und heute gleicht der 54-Jährige mehr einem indischen Guru als dem Hippie von damals. Geblieben ist die Vision; andere Unsterblichkeitspropheten wie Ray Kurzweil und Craig Venter sekundieren ihm. Laut diesen Anti-Aging-Visionären ist das Alter eine Krankheit, bedingt durch molekulare Abbauprozesse im Körper. Gelänge es, sie umzukehren, könnte diese Krankheit geheilt und der Tod besiegt werden. Beispiel Telomere – eine Art Schutzkappen an den Enden der Chromosomen, die beim Altern immer kürzer werden. Könnte man diesen Abbau stoppen, der Mensch würde unendlich lange leben. Leider ist noch kein Präparat in Sicht, das dies ermöglicht. Kein Problem für die «Biogerontologen»: Alles nur eine Frage der Zeit! Das offenbar stetig steigende Alter der Hochbetagten befeuert die Euphorie. Doch eine neue Studie dämpft nun den Optimismus: Seit den 90er-Jahren hat der Trend abrupt bei rund 115 Jahren gestoppt: weit weg vom tausendjährigen Leben. (mma)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.01.2018, 18:08 Uhr

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