Nur Nichtstun ist falsch

Auf dem Trottoir bricht ein Passant zusammen. Was tun? Natürlich Erste Hilfe leisten! Aber wie? Ein Besuch im Nothilfe-Kurs.

Richtig Vorgehen: Wer nicht mehr weiss, was bei Unfällen, Hirnschlägen, Herzinfarkten zu tun ist, dem sei ein Nothelfer-Auffrischungskurs ans Herz gelegt. Foto: Getty Images

Richtig Vorgehen: Wer nicht mehr weiss, was bei Unfällen, Hirnschlägen, Herzinfarkten zu tun ist, dem sei ein Nothelfer-Auffrischungskurs ans Herz gelegt. Foto: Getty Images

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Ein Mann sitzt in sich zusammengesunken auf einer Treppe. Auf seiner Stirn stehen Schweisstropfen, er fasst sich an die Brust. Zwei Passantinnen eilen herbei. «Was ist passiert?», fragt die eine besorgt. Der Mann presst zwischen zwei Atemzügen hervor: «Druck auf … der Brust. Ich … sterbe.» Die zwei Helferinnen schauen sich an. Ui!

Während die eine dem Mann etwas umständlich hilft, sich auf den Boden zu legen, kramt die andere in ihrer Handtasche nach dem Handy und wählt 144, die Nummer des Rettungsdienstes. «Ambulanz? Bitte kommen Sie schnell», stammelt sie ins Telefon. «Ich glaube, wir haben hier einen Herzinfarkt-Patienten.»

Spätestens in diesem Moment bin ich gottenfroh, dass es sich nicht um einen Ernstfall handelt – sondern um eine gespielte Szene. Wir sind in einem Nothelferkurs der Samariter, im Gemeindehaus von Maur ZH. Wir, das sind vier jugendliche Führerschein-Anwärter und neben mir vier weitere erwachsene Teilnehmer.

Einer von ihnen braucht den Ausweis für das Hochsee-Segelbrevet, die anderen drei sind pensioniert und möchten mehr Sicherheit im Umgang mit medizinischen Notfällen gewinnen, gerade «wenn etwas mit dem Partner sein sollte». Auch bei mir liegt der letzte Nothelferkurs mittlerweile 23 Jahre zurück. Ausser dem viel zitierten «Gabi» (Gibt er Antwort? Atmet er? Blutet er? Ist sein Puls fühlbar?) habe ich so ziemlich alles vergessen. Höchste Zeit also für eine Auffrischung.

Woran erkennt man einen Hirnschlag?Einseitige Lähmungs- oder Taubheitsgefühle, hängender Mundwinkel, Sehstörungen, Verlust der Sprache, Schwindel, starke Kopfschmerzen.

«Den Herzinfarkt habt ihr anhand der Symptome gut erkannt», lobt Kursleiter Beat Brunner, 38, als wir den soeben durchgespielten Fall gemeinsam besprechen. Auch dass die Teilnehmerin sofort den Krankenwagen aufgeboten habe, sei löblich. «Wenn es zu einem Herz-Kreislauf-Stillstand kommt, kann es schnell tödlich enden», warnt der diplomierte Pflegefachmann. Den Patienten bei Verdacht auf Herzinfarkt flach hinzulegen, sei hingegen keine gute Idee gewesen: «Ihr hättet seinen Oberkörper besser hochgelagert, das entlastet das Herz und erleichtert das Atmen.» Ein Patient mit Hirnschlag hingegen gehöre flach gelagert, um die Durchblutung des Gehirns zu verbessern. Allgemeines Staunen.

Offenbar bin ich nicht die Einzige, die dies nicht gewusst hat. Im vergangenen August zeigte eine vom Touring Club Schweiz (TCS) und dem Schweizerischen Samariterbund (SSB) erhobene Umfrage, dass die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung ihre Erste-Hilfe-Kenntnisse überschätzt. 65 Prozent der Befragten meinten, sie wären grundsätzlich imstande, Erste Hilfe zu leisten. Im Umgang mit einer konkreten Unfallsituation wären jedoch die meisten überfordert.

Bloss 7 Prozent der Befragten konnten spontan die vier Grundregeln nennen, die bei einem Unfall gelten: Für die eigene Sicherheit sorgen, den Unfallort sichern, die Sanität rufen und Erste Hilfe leisten. Über zwei Drittel der Umfrageteilnehmer wussten zwar, dass bei einer bewusstlosen Person, die nicht atmet, eine Herzmassage angezeigt wäre. Allerdings gab über die Hälfte an, dass sie sich nicht sicher sei, wie man eine solche durchführe. Nur knapp ein Fünftel konnte die Vorgehensweise präzise beschreiben.

Wann muss jemand in die stabile Seitenlage gebracht werden?Wenn er bewusstlos ist, jedoch noch atmet.

Auch ich hätte bis vor kurzem bei dieser Frage passen müssen. Jetzt knie ich auf einer Wolldecke und führe eine Reanimation an einer Beatmungspuppe namens Little Anne durch. Immer im Wechsel 30-mal im Rhythmus des Liedes «Stayin’ Alive» von den Bee Gees mit durchgestreckten Armen auf den Brustkorb drücken, dann zwei Beatmungsstösse in die Nase – so lautet die Regel.

Doch wie stark muss man auf das Brustbein drücken? «Fünf bis sechs Zentimeter tief», instruiert Beat Brunner. «Wenn es im Brustkorb der Puppe knackt, habt ihr die richtige Druckstärke.» Langsam komme ich ins Schwitzen, und meine Beinmuskeln beginnen zu zittern. Erst nach sechs unendlich langen Minuten erlöst uns der Kursleiter mit einem Sirenenton aus seinem Handy: «Ihr könnt aufhören, der Rettungsdienst ist eingetroffen.» So anstrengend ist Wiederbelebung also!

«Autsch, ihr reisst mir die Nase ab!»

Während früher in Nothelferkursen vor allem Theorie vermittelt wurde, steht heute das praktische Handeln in konkreten Notfallsituationen im Zentrum. «Nur so bekommt man ein Gefühl dafür, wie es ist, wenn man tatsächlich einmal Nothilfe leisten muss», sagt Beat Brunner. Er gibt uns den Auftrag, in Dreiergruppen zu üben, wie man einem bewusstlosen Töfffahrer den Helm auszieht. Während der eine Helfer mit seinen Unterarmen Kinn und Halswirbelsäule des Verunfallten stabilisiert, soll ihm der andere den Helm vorsichtig über den Kopf ziehen. Das ist leichter gesagt als getan.

Wir geben uns grösste Mühe, und doch wackelt das Genick unseres «Opfers» bedrohlich hin und her. «Autsch, ihr reisst mir die Nase ab!», klingt es aus dem geöffneten Visier des Helms hervor. Wir müssen kichern, vielleicht aus Nervosität. Jemand will wissen, ob man den Helm nicht besser aufbehalten sollte, wenn die Gefahr einer Wirbelsäulenverletzung bestehe.

Was tun, wenn eine bewusstlose Person nicht mehr atmet?Sanität anrufen. Wenn vorhanden, Defibrillator in Betrieb nehmen. Herzdruckmassage beginnen.

«Gute Frage», lobt Beat Brunner, «aber die Antwort lautet Nein. Ist der Töfffahrer bewusstlos, müssen wir das Risiko eingehen.» Denn falls er erbrechen müsse, würde er mit dem aufgesetzten Helm ersticken. Ziehe man ihm diesen hingegen sehr sorgfältig aus, würde sich eine allfällige Nackenverletzung auch nicht verschlimmern.

Es sind keine Heldentaten verlangt

Beat Brunner schärft uns immer wieder ein, keine Angst zu haben, das Falsche zu tun: «Falsch ist nur, wenn man gar nichts tut.» Von Gesetzes wegen ist jedermann verpflichtet, nach bestem Wissen und Gewissen Nothilfe zu leisten. Bestraft kann nur werden, wer vorsätzlich die Nothilfe unterlässt. «Ihr müsst keine Heldentaten vollbringen», betont Beat Brunner. Zum Patienten hinzuzugehen, ihn moralisch zu unterstützen und den Rettungsdienst zu alarmieren, sei schon viel wert.

Was tun, wenn ein Kleinkind zu ersticken droht?Mit dem Gesicht nach unten über den eigenen Oberschenkel legen und kräftig zwischen die Schulterblätter schlagen.

Noch besser ist es, wenn man die entscheidenden Techniken beherrscht. In den zehn Kursstunden verbinden wir imaginäre Wunden mit Schals oder Verbandsmaterial. Auf Strassenskizzen stellen wir Pannendreiecke im richtigen Abstand zum Unfallfahrzeug auf. Draussen tragen wir leblose Körper von der Strasse weg, bergen uns gegenseitig aus demolierten Autos. Und wir üben an «Little Anne» den Einsatz unterschiedlicher Defibrillatoren bei einem Atemstillstand.

Für die meisten von uns ist es das erste Mal, dass wir einen der lebensrettenden Schockgeber in den Händen halten, die heute vielerorts an Wänden hängen. Vor zehn und mehr Jahren gehörte die Handhabung dieser Geräte noch nicht zum Lernstoff. Doch die sprechenden Geräte sind nicht schwierig zu bedienen, wenn man sie einmal ausprobiert hat.

Wie hole ich einen Bewusstlosen aus dem Auto?Mit dem sogenannten Rautekgriff – von hinten unter beiden Schultern durchgreifen und mit beiden Händen den einen Unterarm des Patienten fassen.

Nothelferkurse werden laufend den neusten Erkenntnissen angepasst. Als sich ein Teilnehmer nach alter Schule anschickt, auf einer stark blutenden Wunde mit einem Taschenmesser und einer elastischen Binde einen Druckverband anzubringen, stoppt ihn Beat Brunner: «Das ist Vergangenheit. Heute empfehlen wir, ein saugfähiges Druckpolster zu nehmen. Und die Binde nicht zu stark anzuziehen, damit die Durchblutung trotzdem gewährleistet ist.»

Längst ausgedient hat auch das berühmte Gabi-Schema, um den Zustand eines Patienten zu beurteilen. Dies unter anderem, weil heute vom Fühlen des Pulses abgeraten wird. «Laien neigten dazu, es falsch zu machen, und erfühlten statt des Pulses des Patienten ihren eigenen», erklärt Beat Brunner.

Was gilt es zu beachten, wenn der Airbag bei einer Kollision nicht ausgelöst wurde?Verletzte Insassen über den Rücksitz betreuen. Ein plötzlich sich öffnender Airbag stellt eine Verletzungsgefahr dar.

Das heute gültige sogenannte BLS-AED-Schema (BLS = Basic Life Support, AED = Automatischer Externer Defibrillator) hat den weiteren Vorteil, dass es international anerkannt ist und die helfende Person direkter die lebensrettenden Sofortmassnahmen ergreifen lässt. «So geht weniger wertvolle Zeit verloren», sagt der Fachmann.

Auffrischung ist nötig

Der Schweizerische Samariterbund und Organisationen wie die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) oder der TCS empfehlen, alle paar Jahre einen Auffrischungskurs in Erster Hilfe zu besuchen. «Man darf nie davon ausgehen, dass einmal gelerntes Wissen einfach sitzt», sagt David Venetz, Mediensprecher beim TCS. «Man muss es sich immer wieder in Erinnerung rufen.» Wenn man in den Mallorcaferien sein Spanisch-Vokabular aus dem Unterricht vergessen habe, sei das halb so schlimm. Wenn man aber die Erste-Hilfe-Techniken nicht beherrsche, koste das im schlimmsten Fall ein Menschenleben.

Wozu liegen eine Schere und ein Einwegrasierer bei jedem Defibrillator?Die Elektroden müssen auf nackter, haarloser Brust befestigt werden.

BfU-Sprecher Marc Bächler weiss: «Laut internationalen Studien hätten fünf Prozent der Opfer, die bereits tot im Spital ankamen, gerettet werden können, wenn schneller oder besser Erste Hilfe geleistet worden wäre.»

Auf der Heimfahrt im Auto lasse ich das soeben Gelernte im Kopf Revue passieren. Würde ich jetzt richtig reagieren, frage ich mich, wenn hinter der nächsten Kurve ein verletzter Velofahrer läge? Ich hoffe es. Jedenfalls hätte ich jetzt keine Entschuldigung mehr, nur herumzustehen. Trotzdem bin ich erleichtert, als ich ohne Zwischenfall zu Hause ankomme, und nehme mir vor, bis zum nächsten Auffrischungskurs keine 23 Jahre verstreichen zu lassen.

(Schweizer Familie)

Erstellt: 26.01.2018, 15:40 Uhr

Nothelferkurs «abschaffen»? Ein Missverständnis

«Strassenverkehrsämter wollen Nothelferkurs abschaffen.» Diese Schlagzeile sorgte im Herbst 2017 für Aufregung in den Medien. Sie war jedoch falsch. Die Vereinigung der Strassenverkehrsämter (ASA) bestreitet die Notwendigkeit der Nothilfekurse nicht. In einer Vernehmlassung zur Revision der Führerausweisvorschriften schlug sie bloss vor, die Nothilfekurse aus dem Rahmen der Fahrausbildung herauszulösen.

Geschäftsführer Sven Britschgi nennt die Gründe: «In der Fahrausbildung ist der Nothilfekurs sachfremd. Die Ausbildung der Neulenker sollte sich auf die Fahrkompetenz konzentrieren, mit dem Ziel, Unfälle zu vermeiden. Zudem sind Unfälle auf der Strasse im Gegensatz zu jenen in Freizeit und Sport zurückgegangen.» Würde der Nothelferkurs stattdessen obligatorisch an den Schulen absolviert, sagt Britschgi, wären alle jungen Menschen angesprochen – nicht nur die Fahrschüler.

Verschiedene Organisationen sprechen sich indes für die Beibehaltung des Nothilfekurses für angehende Fahrzeuglenker aus. Marc Bächler von der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) sagt: «Es hat sich bewährt. Nur so kann sichergestellt werden, dass das Wissen, wie man sich an einer Unfallstelle bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes verhält, zielgerichtet vermittelt werden kann.» Und David Venetz vom Touring Club argumentiert: «Wer im Verkehr unterwegs ist, kann früher oder später mit einer Unfallsituation konfrontiert werden.»

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