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Schweizer Corona-SituationWorauf wir uns einstellen müssen

Wann gehen die Spitalplätze aus? Wird der Bundesrat nun schneller handeln? Im Folgenden die wichtigsten Fragen und Antworten.

Die vom Bundesrat ausgedehnt Maskenpflicht schlägt sich frühestens in zwei Wochen in den Infektionsstatistiken nieder.
Die vom Bundesrat ausgedehnt Maskenpflicht schlägt sich frühestens in zwei Wochen in den Infektionsstatistiken nieder.
Foto: Keystone

Wie schnell verbreitet sich die Pandemie?

Aktuell verdoppelt sich die Zahl der Neuinfektionen jede Woche. Das geht aus dem neuen Lagebericht der Covid-19-Taskforce hervor. Am Freitag meldete das Bundesamt für Gesundheit 6634 neue Covid-Fälle – so viele wie noch nie seit Beginn der Pandemie und etwa zweimal so viele wie am Freitag der Vorwoche. Die Zahl der Infizierten, die ins Spital müssen, wächst laut Taskforce im selben Tempo – ebenso die Zahl der Corona-Toten. Am Freitag wurden 117 Hospitalisierungen und 10 Todesfälle gemeldet.

Warum sind die Todeszahlen nicht höher?

Gemäss Martin Ackermann, Leiter der wissenschaftlichen Taskforce, kann man die Erkrankten inzwischen besser und früher behandeln als während der ersten Welle. Zudem sei das Durchschnittsalter der Betroffenen tiefer als im Frühjahr. Aus diesen Gründen ist die Mortalitätsrate derzeit etwas tiefer als noch vor einem halben Jahr. Es gebe aber keinen Hinweis, dass sich das Coronavirus verändert hätte oder harmloser geworden wäre, betont Ackermann.

Martin Ackermann, Präsident der Covid-Taskforce des Bundes.
Martin Ackermann, Präsident der Covid-Taskforce des Bundes.
Foto: Anthony Anex (Keystone)

Braucht es weitere Massnahmen?

Aus Sicht der Taskforce lautet die Antwort klar: ja. Das Bisherige genüge nicht. Der Bundesrat hat für kommenden Mittwoch zusätzliche Massnahmen in Aussicht gestellt – dies für den Fall, dass die Kantone bis dann selber zu wenig tätig geworden sind. Treffen sollen die Massnahmen vor allem öffentlich zugängliche Betriebe sowie Veranstaltungen und Versammlungen aller Art. Wie in der gegenwärtigen «besonderen Lage» vorgesehen, werden vorgängig noch die Kantone konsultiert. Eine Rückkehr zur «ausserordentlichen Lage» und damit zum Notrecht wie im Frühjahr lehnt der Bundesrat bislang ab.

Warum wirken die bisherigen Massnahmen nicht?

In der Tat hat der Bundesrat letzten Sonntag das Corona-Regime deutlich verschärft. Die Maskenpflicht wurde ausgedehnt, Menschenansammlungen wurden eingeschränkt, Homeoffice wird flächendeckend empfohlen. Bis sich solche Beschlüsse aber in den Infektionsstatistiken niederschlagen, vergehen mindestens eine bis zwei Wochen.

Wie viel Platz bleibt in den Spitälern?

In den Schweizer Intensivstationen stehen knapp 1000 Betten zur Verfügung; bei Bedarf liesse sich der Bestand auf 1400 erhöhen. Etwa 680 sind im Moment belegt, davon 130 mit Corona-Patienten. Glaubt man Martin Ackermann, dem Leiter der wissenschaftlichen Taskforce, dann sind die Reserven womöglich schnell erschöpft. Wie Ackermann am Freitag vor den Medien darlegte, könnte die Grenze von 1400 schon in der zweiten Novemberwoche erreicht werden – dann nämlich, wenn sich die Krankheit ungefähr im bisherigen Tempo weiter ausbreitet. Sollte sich der Verlauf gar noch beschleunigen (Verdoppelung in 5 statt 7 Tagen), sind die Intensivbetten gemäss dem Modell der Taskforce schon eine Woche früher maximal ausgelastet.

Was tun die Kantone?

Die Reaktion der Kantone auf den steilen Anstieg fällt sehr unterschiedlich aus. Der Kanton Bern zum Beispiel, der schon bisher ein eher strenges Regime fuhr, hat am Freitag weitreichende Beschlüsse getroffen: Er schliesst Museen, Kinos, Theater, Bars und Nachtclubs, verbietet Teamsportarten, schränkt Versammlungen ein und weitet die Maskenpflicht aus. Demgegenüber will der Kanton Zürich vorerst keine weiteren Massnahmen ergreifen.

Wird der Bundesrat nun schneller handeln?

Dies ist derzeit – Stand Freitagabend – nicht vorgesehen, kann sich aber noch ändern. Der Zürcher Entscheid sorgt im Umfeld des Bundesrates jedenfalls für Ärger. Dem Vernehmen nach hat Gesundheitsminister Alain Berset (SP) den kantonalen Gesundheitsdirektoren am Donnerstag erklärt, dass er eine starke Reaktion auf die neueste Pandemie-Entwicklung erwarte. Die Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli (SVP) liess offenbar da schon durchblicken, dass ihr hierfür im Kollegium wohl eine Mehrheit fehle.

Droht uns der Lockdown?

Unisono betonen die Verantwortlichen, einen Lockdown verhindern zu wollen. Die Wirtschaft lehnt ihn vehement ab, wie sie diese Woche wieder klarmachte. Die Taskforce des Bundes hält aber unmissverständlich fest: Wenn es nicht gelinge, die Pandemie zu stoppen, sei ein «nationaler Lockdown nicht
auszuschliessen».

163 Kommentare
    Daniel Beyeler

    Ich habe den Eindruck, der Defaitismus gewinnt allmählich die Oberhand. Das ist der falsche Ansatz.

    Besser ist es, Überzeugung auszustrahlen, dass wir als Gesellschaft Corona überstehen und sogar daran wachsen werden. Ja, unsere Zahlen sind schlecht. Ja, andere Länder sind besser! Ja, gewisse Massnahmen waren ungünstig.

    Umsetzen können wir das, in dem wir alle ...

    - diese medialen Kakaphonie beenden

    - die ggenseitigen Vorwürfe abstellen

    - den getroffenen Massnahmen Zeit zur Wirkung lassen

    - fehlbare Mitmenschen auf ihr Verhalten ansprechen

    - Panikmache und Desinformation entgegen stehen

    - unsere Behörden bei der Pandemiebewältigung unterstützen

    - differenziertes und vor allem positives Denken fördern.