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Eklat im SpitalWut nach Entlassung von Chefarzt im Spital Bülach

Am Donnerstag krachte es am Spital Bülach: Der Chefarzt und Ärztliche Direktor Nic Zerkiebel wurde freigestellt. Nun ist der Grund für die Entlassung bekannt.

Nach der Kündigung des Chefarzts Innere Medizin und Ärztlichen Direktors ist die Stimmung im Spital miserabel. Es handle sich um einen «Flächenbrand», sagt ein Angestellter.
Nach der Kündigung des Chefarzts Innere Medizin und Ärztlichen Direktors ist die Stimmung im Spital miserabel. Es handle sich um einen «Flächenbrand», sagt ein Angestellter.
Foto: Sibylle Meier

Übers Wochenende rollte eine Welle der Empörung durch die Ränge der Medizinerinnen und Ärzte am Spital Bülach. Am vergangenen Donnerstag ist Nic Zerkiebel, Chefarzt der Inneren Medizin sowie Ärztlicher Direktor des Spitals und Mitglied der Geschäftsleitung, per sofort freigestellt und entlassen worden, aus «unterschiedlichen Auffassungen in der Geschäftsführung», wie es in der Mitteilung hiess.

Wie der Tagesanzeiger nun berichtet, soll es laut mehreren Quellen beim Streit zwischen Zerkiebel und dem Spitalleitung um die Zukunft der Neonatologie gegangen sein. Zerkiebel habe sich für die Abteilung starkgemacht. Die Spitalleitung und der Verwaltungsrat hatten für die Abteilung eine Redimensionierung beschlossen, um zu sparen. Gemäss Spitaldirektor Rolf Gilgen soll die Neonatologie wieder verkleinert werden. Zudem sollen nur noch Frühgeborene ab der 35. Schwangerschaftswoche aufgenommen werden statt wie bisher ab der 32. Woche. So könne der Personalaufwand merklich reduziert werden. Laut Gilgen war die vergrösserte Abteilung ungenügend ausgelastet.

Der Schock beim Personal sitzt tief

Vier offene Briefe waren bereits bis Montagabend auf der Redaktion dieser Zeitung eingegangen. Angestellte verliehen darin ihrer Fassungslosigkeit über die Kündigung des offensichtlich beliebten Chefarztes sowie über deren Zeitpunkt und Ablauf Ausdruck. Insgesamt handelt es sich um über hundert Unterschriften – von ehemaligen Mitarbeitenden, aber auch von aktuell am Spital Bülach Beschäftigten. Ausserdem haben allein unter der Meldung auf der Website dieser Zeitung bis Redaktionsschluss über ein Dutzend Personen aus dem direkten Spitalumfeld Kommentare verfasst. Ein Angestellter des Spitals, der anonym bleiben will, beschreibt die Situation am Spital als «Flächenbrand»: «Zwischen Ärztinnen und Pflegern auf der einen und administrativ Tätigen auf der anderen Seite hat sich ein tiefer Graben gebildet.»

Zu jenen, die sich bereits öffentlich zur Entlassung geäussert haben, gehören Leitende Ärztinnen und Ärzte der Inneren Medizin (Pneumologie, Neurologie, Kardiologie, Angologie und Gastroenterologie) sowie auch der Chefarzt der Klinik für Chirurgie, Giacinto Basilicata, der zusammen mit Nic Zerkiebel vor fünf Jahren beim Spital Bülach als Chefarzt angefangen hat.

Bernd Yuen hat – als stellvertretender Chefarzt Innere Medizin – Zerkiebels Entlassung als Erster miterlebt. Die sofortige Freistellung sei von zwei Sicherheitsleuten begleitet worden. «Es war ein schockierender Anblick, der schmerzte und mich mit einem Gefühl der bodenlosen Ohnmacht zurückliess», schreibt Yuen. Er mache sich persönlich «grosse Sorgen um die Zukunft des Spitals Bülach und die Gesundheitsversorgung des Zürcher Unterlandes».

Nic Zerkiebel, Chefarzt Innere Medizin am Spital Bülach, vertrat das Spitalpersonal auch als Ärztlicher Direktor.
Nic Zerkiebel, Chefarzt Innere Medizin am Spital Bülach, vertrat das Spitalpersonal auch als Ärztlicher Direktor.
Foto: Madeleine Schoder / Archiv

Weiter wenden sich neun Oberärztinnen und Oberärzte der Klinik Medizin an die Geschäftsleitung: Sie seien «enorm schockiert, fassungslos und unendlich traurig» über die Freistellung ihres Chefarztes. Zerkiebel habe ihnen in der «schwierigsten Lage, die wir bisher im Berufsleben meistern mussten, Halt und Leitung gegeben». Sie kritisieren nicht nur die Kündigung generell, sondern auch deren Zeitpunkt. Denn im kommenden Herbst wird am Flughafen in Kloten der Megakomplex The Circle eröffnet. Darin mieten sich das Universitätsspital Zürich, das Kinderspital und die Klinik Balgrist ein. Zerkiebel habe «die Verunsicherung vor dem entstehenden Giganten am Flughafen kanalisiert und in Motivation für die Bemühungen im eigenen Spital gekehrt». Für die acht Oberärztinnen und -ärzte am Spital Bülach steht deshalb fest: «Wir wollen unseren Chef zurück!»

Auch acht Pflegefachkräfte melden sich zu Wort. «Wir machen uns grosse Sorgen, wohin die Konsequenzen dieser nicht nachvollziehbaren Handlung führen werden», schreiben sie. Es stelle sich nicht nur die Frage, was die Patienten über die schnelle Kündigung des Chefarztes denken würden, sondern auch, wie sie deren Fragen zum Vorfall beantworten sollen.

«Quo vadis, Spital Bülach?»

Deutlich wird in all den Schreiben auch, wie beliebt Nic Zerkiebel beim Spitalpersonal wie auch bei den Patientinnen und Patienten war. «Er hat den familiären Charakter des Hauses mit seiner wertschätzenden, vertrauensvollen, ausgeglichenen und kompetenten Art zu hundert Prozent gelebt», heisst es seitens des Pflegeteams der Intensivstation. Mindestens 23 Unterzeichnende halten fest, dass sie «bestürzt» seien und mit Unsicherheit zurückbleiben würden. Auch acht Angestellte der Tagesklinik loben den freigestellten Chefarzt: «Dr. Zerkiebel hatte immer ein offenes Ohr für die Pflege, für diese er sich auch oftmals einsetzte.»

Assistenzärztinnen und -ärzte beschreiben den freigestellten Chefarzt als Kapitän, der vom Ruder gestossen worden sei. «Er steuerte das Schiff der medizinischen Klinik mit Um- und Weitsicht und in einer höchst integeren und ruhigen Art, dass man auch in stürmischen Zeiten sicher an Bord war.» Mit dem Entscheid der Kündigung würden die Ärztinnen und Ärzte um die Qualität ihrer ärztlichen Ausbildung bangen. «Spital Bülach, quo vadis?»

Nicht zuletzt wenden sich knapp sechzig ehemalige Mitarbeitende der medizinischen Klinik an das Spital Bülach. Der offene Brief wird demnächst auf der Plattform Medinside veröffentlicht und liegt dieser Zeitung schon vor. «Unter Zerkiebels Obhut konnten wir jungen Ärzte (-innen) im Berufsleben Fuss fassen, uns weiterentwickeln, und wir sind in fachlicher sowie auch persönlicher Hinsicht gewachsen», schreiben sie.

Spital Bülach bedauert Kündigung

Rolf Gilgen, CEO des Spitals Bülach, nimmt schriftlich Stellung: «Die vielen Rückmeldungen von Ärztinnen, Ärzten, weiteren Mitarbeitenden und auch von Patientinnen und Patienten sprechen eine deutliche Sprache: Nic Zerkiebel war in den letzten fünf Jahren für das Spital Bülach unbestritten eine grosse Stütze und hat die Klinik Innere Medizin hervorragend geleitet.» Dafür gebühre Nic Zerkiebel grosser Dank. «Dass es zur Kündigung kam, bedauern wir sehr, war aber aufgrund von Vorfällen und unüberbrückbaren Differenzen nicht zu vermeiden.» Aus Rücksicht auf die Persönlichkeitsrechte von Betroffenen könnten keine detaillierten Angaben zu den Kündigungsgründen gemacht werden. Das Arbeitsverhältnis wurde ordentlich aufgelöst und Nic Zerkiebel freigestellt.

Dass während seines Austritts Sicherheitspersonal zugegen war, bestätigt Gilgen im Übrigen. Es gehöre zum Standardprozedere im Fall einer sofortigen Freistellung bei einer höheren Kaderperson.

33 Kommentare
    Jakob Roost

    Offensichtlich verkennen sowohl der CEO als auch der VR, dass ein Spital nicht allein mit Kennzahlen geführt werden kann, sondern insbesondere durch die Qualifikation und Motivation der Mitarbeitenden zum Erfolg geführt wird. Insbesondere der VRP sollte dies aus seiner eigenen Zeit als CEO des Spitals Frauenfeld zur Genüge wissen. Der CEO des Spitals Bülach hat sich selbst entlarvt, dass seine salbungsvollen Zeitungsartikel, aber auch das Leitbild des Spitals das Papier nicht wert sind, auf dem die hohlen Worte gedruckt sind. Es wäre nun an den Aktionären des Spitals, die dringend notwendigen Konsequenzen aus diesem Führungsdesaster zu ziehen.