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Illegale Deponie mit Lötschberg-SchotterZehntausende tote Fische beim Blausee – wegen Giftmüll?

In einer Zucht sind tonnenweise Forellen gestorben. Gleichzeitig entsorgten Baufirmen giftigen Aushub in der Nähe. Jetzt haben die prominenten Besitzer der Zucht Anzeige erstattet.

Spuren von Giftstoffen: Insgesamt 40 Tonnen tote Fische mussten die Züchter beim Blausee entsorgen.
Spuren von Giftstoffen: Insgesamt 40 Tonnen tote Fische mussten die Züchter beim Blausee entsorgen.
Foto: zvg

Als Günther Krefeld am Morgen des 21. Mai die Becken mit den Jungforellen inspiziert, bietet sich ihm ein schreckliches Bild. Tausende Fische treiben mit dem Bauch nach oben auf der Oberfläche, sie alle sind über Nacht verendet. «Ich war total geschockt», erzählt der angehende Fischmeister der Forellenzucht Blausee. «Auch wenn es nur Forellen sind, baut man doch eine Beziehung zu ihnen auf.» Seine Zucht gehört zum Naturpark Blausee, einem Touristenmagnet mit internationaler Ausstrahlung.

Es ist nicht das erste Mal, dass Krefeld tote Tiere in den Becken findet. Seit Frühling 2018 kommt es insbesondere nach heftigen Regenfällen immer wieder zu mysteriösen Fischsterben. «Dass derart viele Forellen von einem Tag auf den anderen sterben wie am 21. Mai, habe ich in meiner Laufbahn aber noch nie erlebt», so Krefeld.

40 Tonnen Bio-Forellen mussten seit 2018 insgesamt entsorgt werden. Sie wären eigentlich für Grosskunden und diverse Restaurants bestimmt gewesen. Stattdessen enden sie in der Kadaverstelle. Auf zwei Millionen Franken beläuft sich der Schaden mittlerweile. Tragen müssen ihn die drei prominenten Besitzer des Blausees: Ex-Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand, Globetrotter-CEO André Lüthi und Swiss-Economic-Forum-Gründer Stefan Linder.

Linder will die Ursache für das Fischsterben herausfinden. Er lässt deshalb tote Forellen in einem anerkannten Labor untersuchen. Die Resultate erschrecken ihn. In den Tieren gibt es krebserregende Stoffe und hohe Konzentrationen von Schwermetallen. Und auch das Quellwasser, welches die Forellenzucht speist, weist in einer weiteren Probe laut Laboranalyse zu hohe Werte von Giftstoffen auf.

Die toten Tiere sind nicht das einzige Problem. Der Blausee selbst zeigt seit 2018 immer wieder seltsame Veränderungen. Instagram-Bilder vom tiefblauen Teich mit kristallklarem Wasser und dem saftig grünen Wald rundherum sind weltbekannt. Doch in jüngster Zeit wird das Gewässer nach schweren Regenfällen immer mal wieder hässlich trüb.

Die Frage ist: Wo liegt die Quelle dieser Verschmutzung und des Gifts?

Auf der Spur des Giftmülls: Verdeckte Aufnahmen zeigen, wie Baufirmen Schotter illegalerweise deponieren.
Videoteam Tamedia

Recherchen der «Berner Zeitung», des Recherchedesks von Tamedia und der «Rundschau» von SRF zeigen, dass sich im Kandertal in den letzten Monaten ein Umweltkrimi abspielt. Es geht um Grosskonzerne, die teilweise giftiges Material einfach in eine Kiesgrube schütten, eine abgesagte Polizeirazzia vor Ort und Behörden, die aus Sicht der Blausee-Besitzer Missstände tolerieren. Die Berner Staatsanwaltschaft ermittelt.

Im Tunnel herrscht Zeitdruck

Rund sechs Kilometer Luftlinie talaufwärts vom Blausee liegt eine der grössten Baustellen der Schweiz: Seit Sommer 2018 wird der BLS-Scheiteltunnel im Lötschberg, der über dem Basistunnel liegt, saniert. Kostenpunkt: 105 Millionen Franken. Es ist ein gigantisches Bauprojekt von nationaler Bedeutung. Beteiligt sind die Unternehmen Marti und Vigier, Letztere im Besitz der französischen Vicat-Gruppe. Marti saniert im Auftrag der BLS das Gleisbett, Vigier verarbeitet das Aushubmaterial.

Im 14,6 Kilometer langen, doppelspurigen Tunnel wird eine Betonfahrbahn eingebaut. Die riesige Menge Schotter, die dafür entfernt werden muss, ist über vierzig Jahre alt. Die Logistik für das Vorhaben ist hochkomplex. Jeder Tag zählt, jeder Bauschritt ist minutiös auf den vorherigen abgestimmt. Während beim einen Gleis der alte Schotter herausgebaggert und auf Zugcontainer verladen wird, brausen nebenan in regelmässigen Abständen Züge des Autoverlads und des Güterverkehrs vorbei.

Der Gleisaushub ist teilweise mit Giftstoffen belastet. Schwermetalle und krebserregende Stoffe, die von den Zügen und den mit Teeröl behandelten Holzschwellen stammen, haben sich auf dem Aushub abgelagert. Proben, welche die BLS 2013 im Tunnel nahm, zeigten, dass der Schotter je nach Streckenabschnitt sauber oder leicht bis stark verschmutzt ist. Am stärksten mit Giften kontaminiert sind die sogenannten Feinfraktionen – das Kleinstmaterial zwischen und unter dem Schotter.

Weil dieses Material für die Umwelt gefährlich sein kann, ist es gesetzlich vorgeschrieben, dass es nur in einer Deponie weiterverarbeitet werden darf. Die Feinfraktion muss als Giftmüll entsorgt werden.

Experten sind alarmiert

Doch diese Vorschriften sind bei der Lötschberg-Sanierung auf krasse Weise missachtet worden. Dies zeigen interne Aktennotizen, Fotos, Drohnen-Aufnahmen und Behördendokumente, welche dieser Zeitung vorliegen. Filmaufnahmen belegen, wie Marti-Arbeiter im Frühsommer 2020 Material kurzerhand in die nahe gelegene Kiesgrube Mitholz der Firma Vigier kippen, die nicht gegen Umweltgifte geschützt ist. Es besteht der Verdacht, dass dies seit Beginn des Bauprojekts im Herbst 2018 so passiert.

Der Steinbruch Mitholz: Hier wurde illegal Gleisschotter bearbeitet und die kontaminierten Feinstoffe deponiert.
Der Steinbruch Mitholz: Hier wurde illegal Gleisschotter bearbeitet und die kontaminierten Feinstoffe deponiert.
Foto: zvg

Besonders gravierend: Der Steinbruch Mitholz liegt in einem Grundwassergebiet, das auch das Trinkwasser beispielsweise der Gemeinde Kandergrund oder Frutigen speist und den Blausee sowie Teile der dortigen Fischzucht.

Der Steinbruch ist keine Deponie, dorthin dürfte überhaupt kein belastetes Material verfrachtet werden. Bei der Lötschbergtunnel-Sanierung wird Altschotter aber nicht nur in den Steinbruch geschüttet. Die Arbeiter sieben diesen auch dort. Die kontaminierten Feinstoffe werden von Baggern später kurzerhand in eine tiefer liegende Grube geleert. In unmittelbarer Nähe befinden sich klar-blaue Baggerseen. Fotos zeigen, wie Erwachsene dort baden.

Experten sind alarmiert: «Wenn dies zutrifft, ist mir ein so extremer Fall von Umweltgefährdung in der Schweiz schon lange nicht mehr begegnet», sagt der Geologe Marcos Buser, ein Entsorgungsspezialist. Er hat sich Datenmaterial zu den Vorkommnissen angeschaut.

Auch die mit Teeröl verseuchten Holzschwellen der alten Fahrbahn werden in der Vigier-Kiesgrube im Freien gestapelt und vor Ort zersägt, wie Dokumente belegen. Das verstösst ebenfalls gegen das Gesetz. Es ist ein erhebliches Umweltrisiko, denn die Holzspäne sind hochgiftig. Es besteht die Gefahr, dass die darin enthaltenen Schadstoffe bei Regenfällen in das Grundwasser geschwemmt werden.

Die Blausee-Besitzer befürchten, dass die Gifte in ihrem Quellwasser und in den Fischen von dieser Kiesgrube stammen und dass die involvierten Unternehmen mit ihren Aktivitäten Menschen und Tiere im Kandertal in Gefahr bringen. Auch der beigezogene Geologe und Altschotterspezialist Hans-Rudolf Keusen ist beunruhigt. Er kennt die Grundwassersituation im Kandertal sehr genau. Keusen hat das Gebiet bereits in den 80er-Jahren geologisch untersucht und auch die vormaligen Besitzer der Kiesgrube über Jahre bezüglich Umweltschutz beraten. Für ihn sind die toten Fische «erschreckend», aber besonders Sorge bereitet ihm der trübe Blausee. Dafür könnten fast nur «schädliche Aktivitäten» oberhalb des Naturparks verantwortlich sein.

Dieselben Giftstoffe nachgewiesen

Eine Laboranalyse des Sickerwassers an der Stelle, wo der Tunnelaushub in die Grube gekippt wurde, erhärtet seinen Verdacht: Das bei Menschen krebserregende Benzoapyren übersteigt den in der Altlastenverordnung festgelegten Grenzwert um das 76-Fache. Auch bei Stoffen wie Nitrit, Blei, Cadmium, Chrom, Nickel, Quecksilber und Zink zeigen die Laborwerte viel zu hohe Konzentrationen.

Für Linder, Lüthi und Hildebrand ist klar: Das Treiben in der Kiesgrube muss gestoppt werden. Und zwar sofort. Sie schalten im Juni die Behörden ein. Doch die reagieren zuerst zögerlich. Zwar nimmt das Berner Amt für Wasser und Abfall (AWA) darauf einen Augenschein vor Ort. Auch das Bundesamt für Verkehr und die Gemeindebehörden der umliegenden Dörfer werden involviert. Doch eine auf den 8. Juni angesagte Polizeirazzia im Steinbruch wird kurzfristig wieder abgesagt. «Es hiess, es fehle ein genügender Anfangsverdacht und es seien übergeordnete Interessen im Spiel», sagt Stefan Linder heute.

Glaubt an eine Vergiftung: Blausee-Mitbesitzer Stefan Linder vermutet, dass die Fische wegen Schadstoffen aus dem Steinbruch gestorben sind.
Glaubt an eine Vergiftung: Blausee-Mitbesitzer Stefan Linder vermutet, dass die Fische wegen Schadstoffen aus dem Steinbruch gestorben sind.
Foto: Susanne Keller

Man fragt sich, wie das alles möglich ist. Dass ein renommierter Baukonzern gefährliches Material einfach in eine Grube kippt. Dass ein Bahnbetreiber, von dem der Schotter stammt, dies nicht bemerkt. Und dass ein Grubenbesitzer dabei mitmacht.

Vigier ist sich keiner Schuld bewusst

Die Marti AG wollte die Fragen dieser Zeitung nicht beantworten und verwies auf eine Stellungnahme der BLS. Darin heisst es, das Bahnunternehmen erwarte, dass vereinbarte Konzepte und Standards von den beteiligten Partnern eingehalten werden. Die BLS nehme den Verdacht einer Grundwasserverschmutzung sehr ernst und sei an einer «raschen und umfassenden Klärung» interessiert.

Vigier hingegen weist sämtliche Vorwürfe zurück. Im Steinbruch sei kein verschmutzter Aushub, sondern nur unbedenkliches Material aufbereitet worden. Das sei unter strenger behördlicher Kontrolle erfolgt. Man sei deshalb davon ausgegangen, es sei erlaubt. Zu keinem Zeitpunkt seien Menschen oder Tiere in Gefahr gewesen oder Schadstoffe ins Grundwasser gelangt, schreibt das Unternehmen.

Mitte Juni stoppt das Amt für Wasser und Abfall einen Teil der Aktivitäten in der offenen Kiesgrube. Es weist die BLS und Marti an, den Bauablauf schnellstmöglich so anzupassen, dass der gesamte Altschotter fortan in eine spezialisierte Anlage nach Wimmis gebracht und nicht weiter in den Steinbruch geschüttet werde.

Aus einer Aktennotiz von einer Sitzung Ende Juli zwischen Behörden und Unternehmen.
Aus einer Aktennotiz von einer Sitzung Ende Juli zwischen Behörden und Unternehmen.

Zudem muss Vigier die Feinstoffe wieder aus der Grube baggern. Dabei zeigt sich, dass diese keinesfalls «unbedenklich» sind, wie Vigier sagt. In einer internen Aktennotiz einer Sitzung vom 22. Juli zwischen den Behörden und den betroffenen Firmen steht: 1000 Tonnen Material seien «zurückgebaut und gesetzeskonform entsorgt» worden. Die «verschmutze Feinfraktion» eigne sich nicht für die Deponierung im Steinbruch. Fotos zeigen zudem, dass Bagger die Grube mit einer meterhohen Schicht Erde auffüllen.

Weil aber ein Stopp des BLS-Prestigeprojekts viel Geld kosten würde und bisher keine gesetzeskonforme Lösung parat ist, dürfen die Unternehmen den Altschotter weiterhin vom Zug auf einen asphaltierten Platz des Steinbruchs leeren, um ihn dann auf Lastwagen umzuladen. Laut Dokumenten wird der Ort aber nur teilweise in die Kanalisation entwässert. Die Blausee-Leute befürchten deshalb, dass bei Regenfällen weiterhin Schadstoffe in die Umwelt gelangen.

Linder hat Vertrauen verloren

Alles dreht sich in den letzten Tagen um die Frage, ob die Giftstoffe aus dem Altschotter tatsächlich in genug hoher Konzentration ins Grundwasser gelangt sind, um die Fische zu töten. Jacques Ganguin, Vorsteher des AWA, stellt klar: «Was wir vorgefunden haben, ist nicht schön. Es ist ein Missstand.» Die Feinfraktion sei illegal deponiert worden.

Der Zusammenhang zwischen den Fischsterben und den Ablagerungen sei nicht erwiesen, könne aber auch nicht gänzlich ausgeschlossen werden. Er habe aber seine Zweifel. Sein Amt stelle die Sickerwasser-Probe der Blausee-Besitzer zwar nicht in Frage. In Wasseranalysen, die das AWA machen liess, seien aber keine Schadstoffe nachgewiesen worden. «Es ist nicht ausgeschlossen, dass der Altschotter punktuell belastet war. Sollten aber überhaupt Schadstoffe ins Grundwasser gelangt sein, gehen wir davon aus, dass es bis zum Blausee einen grossen Verdünnungseffekt gäbe.»

Vigier und das AWA wenden zudem ein, es habe im Jahr 2018 bereits im April ein Forellensterben gegeben die Aushubarbeiten hätten aber erst im Sommer begonnen. «Nach dem Vorgefallenen haben wir kein Vertrauen und keine Garantie, dass nicht schon vorher schädliche Abfälle in der Kiesgrube landeten», entgegnet Blausee-Besitzer Linder.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Fakt ist: Der Altschotter ist illegal in eine ungeschützte Grube gekippt worden. Und die Proben der Fische, des Grundwassers der Zucht und des Sickerwassers der Grube zeigen teils dieselben Giftstoffe. Auf die Frage, woran die Tiere denn sonst hätten sterben können, haben die Behörden bisher keine schlüssige Antwort. Sie ziehen in Betracht, dass betriebsinterne Gründe dafür verantwortlich sein könnten, etwa ein Futterwechsel oder Algen.

Für Geologe Keusen sind die Ereignisse der letzten Monate erschreckend: «Einen derartigen Skandal habe ich in meiner 40 Jahre dauernden Berufspraxis noch nie erlebt», sagt er. Und die Bevölkerung im Kandertal? Für sie ist es die nächste schlechte Nachricht. Anfang Jahr wurde bekannt, dass die Mitholzer ihr Zuhause für zehn Jahre verlassen müssen, weil das ehemalige Munitionslager der Armee in unmittelbarer Nähe der Kiesgrube noch immer explosionsgefährdet ist.

Immerhin in einer Sache kann Blausee-Mitbesitzer Stefan Linder Entwarnung geben: Er betont, dass keine Fische oder Fischprodukte an Konsumenten gelangt seien, welche ihre hohen Qualitätsansprüche nicht erfüllten. Am 24. Juli reichte die Blausee AG bei der Berner Staatsanwaltschaft eine Strafanzeige gegen unbekannt ein. «Es muss jetzt dringend geklärt werden, ob es zwischen den unerlaubten Aktivitäten in der Grube und dem Fischsterben einen Zusammenhang gibt», sagt ihr Anwalt. Damit rennt er offenen Türen ein: Die Staatsanwaltschaft hat in dieser Sache bereits Wochen zuvor ein Strafverfahren eröffnet.

Recherchehinweise an: marius.aschwanden@bernerzeitung.ch, recherchedesk@tamedia.ch

94 Kommentare
    Esther.

    Mich wundert gar nichts mehr. Der Regierungsrat des Kt. Zürichs lässt zu, dass seit 60 Jahren Tonnen Bleischrot, giftige Tontaubenscherben und Plastikhülsen in ein Naturschutzgebiet und die Töss verschossen werden. Dass der Boden mit sehr hoher Bleikonzentration verseucht ist, stört keinen. Es muss immer erst etwas passieren bevor die Politik etwas unternimmt. Die toten Fische im Rotsee zeigen, dass vieles auf diesem Gebiet falsch läuft.