42 Jahre lang schwieg er zum Mord an seiner Ehefrau

Marie-Anne Rünzi wurde 1976 tot in Küsnacht aufgefunden. Der Fall wurde eingestellt. Der Bundesanwalt habe eine Affäre mit dem Opfer gehabt, glaubt Kurt Rünzi.

«Die Behörden wollten den Fall unter dem Deckel halten»: Kurt Rünzi (l.) und Walter Hauser am Rumensee ob Küsnacht.

«Die Behörden wollten den Fall unter dem Deckel halten»: Kurt Rünzi (l.) und Walter Hauser am Rumensee ob Küsnacht. Bild: Reto Oeschger

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Kurt Rünzi kann sich an jenen 14. Januar 1976 noch gut erinnern, als ein Gemeindearbeiter im unwegsamen Gelände beim Rumensee in Küsnacht eine tote Frau fand: Es war Marie-Anne Rünzi, seine seit vier Tagen vermisste Ehefrau. Die dreifache Mutter wies keine Gewaltspuren auf. Die Obduktion ergab, dass die 49-Jährige durch eine Überdosis Äther getötet und die Leiche anschliessend beim Rumensee versteckt worden war.

Kurt Rünzi, damals noch in Zumikon wohnhaft, war ein erfolgreicher Unternehmer mit eigener Firma und rund hundert Angestellten. Der technische Kaufmann war mit seinen selbst entwickelten Papierfalzmaschinen wohlhabend geworden und pflegte ein besonderes Hobby: Heissluftballonfahrten, die damals in den USA in Mode waren, in Europa aber kaum bekannt.

Rünzi gilt als Heissluftballonpionier. 1970 stellte er an einem Tag zwei Weltrekorde auf: Er fuhr mit seinem Ballon bis nach München und war sechseinhalb Stunden in der Luft.

Die Hunde waren allein zuhause

Am Nachmittag des 10. Januar, des Todestages seiner Frau, war Rünzi in einer mechanischen Werkstatt in Fällanden und arbeitete an seinem Heissluftballon. Er versuchte zweimal seine Frau anzurufen.

«Wir hatten abgemacht, dass wir zu Hause gemeinsam zu Abend essen werden», erinnert sich Rünzi. Vergeblich, niemand nahm ab, was Rünzi aber nicht beunruhigte. Als er gegen Abend nach Hause kam, stand das Auto seiner Frau vor dem Haus in Zumikon, die Wohnungstür war abgeschlossen, und drinnen waren die beiden Hunde. «Marie-Anne war jedoch nicht im Haus, ich durchsuchte alle Zimmer.»

Er wartete den ganzen Abend und legte sich dann ins Bett, als er mitten in der Nacht ein auffälliges Geräusch hörte. Als Rünzi das Licht anzündete und aus dem Fenster schaute, sah er eine Person davonrennen und kurze Zeit später einen Wagen wegfahren. Erst später machte sich Rünzi einen Reim darauf: Im Auto müssen die enge Freundin seiner Frau sowie deren Ehemann gewesen sein.

«Die haben nicht mit mir gerechnet.»Kurt Rünzi über nächtliche Besucher

Rünzi ist überzeugt, das Ehepaar habe die Leiche von Marie-Anne im Keller des Hauses verstecken wollen. «Die haben nicht mit mir gerechnet.» Sie hätten wohl gemeint, das Haus sei leer, und seien erst durch das Licht gestört worden. «Deshalb haben sie die Leiche in Panik im nahen Rumensee in Küsnacht deponiert, wo sie einige Tage später gefunden wurde. Die eigentliche Tat sei im Haus der Freundin und deren Mann geschehen, ist sich Rünzi sicher. Diese habe sich als Freundin seiner Frau aufgedrängt und sei ständig im Haus der Rünzis erschienen.

Im soeben erschienenen Buch «Hoffen auf Aufklärung» über ungelöste Mordfälle in der Schweiz geht der Journalist Walter Hauser ausführlich auf den Fall ein. Laut dem Teilgeständnis der Freundin, das sie der Polizei abgelegt hatte, war es zwischen den beiden Frauen zum Streit gekommen. Dabei ging es um Geld, das angeblich Marie-Anne Rünzi ihrer Freundin versprochen habe.

Das widerrufene Geständnis

Es kam zu Handgreiflichkeiten, in deren Verlauf Marie-Anne Rünzi stürzte. Die Freundin habe in Panik ein Fläschchen mit einem unbekannten Inhalt ergriffen, um Marie-Anne zu betäuben. Mit Schrecken habe sie dann festgestellt, dass Marie-Anne nicht mehr atmete und tot war. Die Freundin sei zwar schuld am Tod von Marie-Anne, habe diesen aber nie gewollt. Danach habe sie Wertsachen und Geld aus dem Haus der Familie Rünzi gestohlen und die Leiche wahrscheinlich mit ihrem Ehemann im Auto zum Rumensee gefahren.

Schon bald widerrief die Frau ihr Geständnis. Sie begründete die Kehrtwende damit, dass sie Angst habe und mit dem Tod bedroht würde. Sie präsentierte verschiedene Tatversionen, legte sich schliesslich auf folgende fest: Sie sei aus Zufall Zeugin des Mordes geworden. Bei den Tätern habe es sich um zwei unbekannte Männer gehandelt, die die Wohnung durchsuchten und das Tagebuch von Marie-Anne fanden.

Kein Verfahren, kein Prozess

Die Untersuchung dauerte lange, ein erster Bezirksanwalt wurde abgesetzt und der Fall einem Kollegen übergeben. Dieser untersuchte weiter, der Fall geriet aus den Schlagzeilen. Umso überraschender war, als sich der «Blick» im Spätsommer 1978 nach dem Stand der Ermittlungen erkundigte und erfuhr, dass die Staatsanwaltschaft den Fall eingestellt hatte, ohne dass es zu einem Gerichtsfall gekommen war.

Für den 92-Jährigen ein Justizskandal. Für Rünzi ist auch klar, wer Interesse hatte, dass der Fall unter dem Deckel gehalten wurde: «Der damalige Bundesanwalt.» Dieser soll nämlich ein Verhältnis mit seiner Frau Marie-Anne gehabt haben. Er sei immer wieder im Haus von Rünzi aufgetaucht – «nicht wegen mir», wie Rünzi ironisch sagt.

Der Bundesanwalt war auch der Letzte, der mit dem Opfer telefoniert hatte. Der verheiratete Mann habe Angst gehabt, dass das angebliche Verhältnis mit Marie-Anne Rünzi bei einem Prozess aufgeflogen wäre. Er habe deshalb seine Beziehungen als ehemaliger Zürcher Staats- und Bezirksanwalt spielen lassen, damit das Verfahren eingestellt werde. Zudem sei auch nach dem Tod von Marie-Anne das Tagebuch seiner Ehefrau spurlos verschwunden, obwohl die Tochter die Wohnung bei der Suche nach dem Tagebuch auf den Kopf gestellt habe.

Mit dieser These ist Kurt Rünzi nicht allein. Auch Buchautor Walter Hauser kommt zu einem ähnlichen Schluss. Seltsam sei die Begründung der Verfahrenseinstellung gewesen, schreibt Hauser. Zwar hätten die Behörden es als «höchst wahrscheinlich» angenommen, dass die Freundin von Marie-Anne Täterin oder Mittäterin gewesen sei. Zu einer Anklageerhebung sei es aber nicht gekommen. Begründet wurde dies damit, dass an einer Hauptverhandlung nicht mit einem Schuldbeweis gerechnet werden könne. So steht es im Schlussbericht vom 5. September 1978.

Mit anderen Worten: Die Freundin hat den Tod von Marie-Anne Rünzi auf dem Gewissen, aber sie wird nicht angeklagt. Und obwohl bei der von den Behörden verdächtigten Freundin Schmuck von Marie-Anne gefunden wurde, gab es auch keine Anklage wegen Diebstahls.

«Unter den Teppich gewischt»

Die stillschweigende Erledigung des Mordfalls löste harsche Kritik aus. So schrieb der «Tages-Anzeiger» im Januar 1979, dass die Verfahrenseinstellung der Zürcher Justiz erlaubte, den Fall Rünzi und seine Hintergründe vor der Öffentlichkeit geheim zu halten. Der TA vermutete damals, dass sich die Staatsanwaltschaft aus Loyalität zu ihrem früheren Kollegen schützend vor den Bundesanwalt stellte, damit er nicht als Zeuge in einem spektakulären Mordfall hätte auftreten müssen. Die zürcherische Justiz habe den Fall unter den Teppich gewischt, obwohl er von den Umständen her förmlich nach Aufklärung schrie.

Heute spricht Rünzi erstmals das aus, was er die letzten vier Jahrzehnte immer vermutet hatte: «Die Behörden wollten den Fall unter dem Deckel halten.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.10.2018, 09:03 Uhr

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